Statt Bling-Bling: Piotr Anderszewski im Konzerthaus

27. November 2014, 17:49
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Panorama der Emotionen

Wien - Da kommt er und schaut aus wie immer: freundlich, smart, normal. Piotr Anderszewski hat sich mit den Jahren vom Mozart-Saal in den Großen Saal des Wiener Konzerthauses gespielt. Der 45-Jährige ist kein Bling-Bling-Typ wie sein Kollege Lang Lang, sondern eher ein Mann der leisen Töne, des unscheinbaren Auftritts und Garant für interessante, berührende Konzerterlebnisse. Mittwochabend eröffnet Anderszewski unkonventionell mit einem weltabgewandten Werk, Schumanns Geistervariationen. Er musiziert in sanfter, versonnener Art und mit warmem, sattem Ton in den melodischen Linien.

Dem Enthusiasmus in Schumanns C-Dur-Fantasie scheint der Pole zu misstrauen: Immer wieder bremst er die rauschende Fahrt, schlägt Volten; er setzt auf extreme Gegensätze, präsentiert Mittelstimmen oder Basslinien prominent und hält melodische Linien im Hintergrund. In Summe wirkt sein Agieren etwas kopflastig und geht auf Kosten eines erzählerischen Bogens. Am wohlsten fühlt sich Anderszewski im langsamen dritten Satz, wo er sich in traumverlorenem Spiel verlieren darf.

Panorama der Emotionen

Das stimmigste, wundervollste Stück folgt nach der Pause: Karol Szymanowskis Métopes op. 29. In den drei 1915 komponierten Programmstücken lappt Impressionismus auf aparte Weise in die Moderne. Anderszewski malt in den virtuosen Stimmungsbildern ein großes Panorama der Emotionen - wobei seine Vorliebe auch hier den extremen Lagen gilt.

Rigide in der Tempodisziplin, doch sinnlich und keck in der Themenpräsentation gerät Bachs sechste Englische Suite in d-Moll. Das Double ist von bezaubernder Schlichtheit, die Gavotte präsentiert er puppenhaft geziert. Bei der Gigue hat sich Bach ausgetobt, und sein Interpret tut es ihm gleich. Zwei Zugaben und wohlwollender, begeisterter Applaus.

Im April 2015 ist Anderszweski im Konzerthaus als Solist mit den Wiener Symphonikern zu erleben, im Mai wird er zusammen mit Matthias Goerne Schumann-Lieder zur Aufführung bringen. (Stefan Ender, DER STANDARD, 28.11.2014)

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