Mitfahrbörsen: Autostoppen im WWW

Reportage27. November 2014, 16:15
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Wer kein Auto hat und Alternativen zu Öffis sucht, wird online fündig: Mitfahrbörsen machen eine neue Mobilität möglich, die aber ein Nischenprodukt für jene bleiben dürfte, die gerne gemeinsam reisen

"Zu einem Fremden steigt man nicht ins Auto", dachte ich - und hielt nach meiner Mitfahrgelegenheit Ausschau. Fremd? Definitionssache. Ich wusste neben dem Namen meines Fahrers vorab nämlich noch, dass er einen weißen VW Polo fährt, und kannte sein Kennzeichen. Online hat er von ehemaligen Mitfahrern fünf von fünf Sternen erhalten. Nervös war ich trotzdem.

Darauf, zu einem Wildfremden ins Auto zu steigen, basiert die Geschäftsidee von Mitfahrplattformen im Internet. Ihr Prinzip: Wer mit dem Auto von A nach B fahren will und noch Plätze frei hat, sucht online oder via App nach Mitfahrern, um sein Auto zu füllen und sich die Spritkosten zu teilen. Das dürfte funktionieren - solche Websites gibt es mittlerweile zuhauf.

In neun Ländern unterwegs

Die nach eigenen Angaben größte Plattform Österreichs nennt sich Mitfahrgelegenheit.at. 2001 wurde das deutsche Pendant von drei Studenten gegründet, mittlerweile ist ihr Unternehmen namens Carpooling in neun Ländern unterwegs. 1,4 Millionen Nutzer werden so monatlich europaweit transportiert, heißt es vonseiten des Unternehmens. Länderspezifische Zahlen gibt es keine. Aber Österreich sei nach Deutschland, im Verhältnis zur Einwohnerzahl, einer der größten Märkte - und die Beliebtheit wachse stetig, sagt Carpooling-Sprecher Simon Baumann.

Neu sind Mitfahrbörsen nicht: Schon in den 1950ern wurde in Frankfurt am Main - ganz und gar offline - eine Mitfahrzentrale gegründet. Eigentlich wie Autostoppen, nur besser planbar. Mit dem Internet wurde die Organisation dann noch leichter. Heute weiß man vorab schon eine ganze Menge über potenzielle Chauffeure: Sie haben Profile, auf denen sie nicht nur sich selbst, sondern auch ihr Auto präsentieren. Auch eine Ausweiskopie kann dem Profil beigefügt werden.

Fünf Euro pro 100 Kilometer

Zurück zum Selbstversuch: Der weiße VW war schnell gefunden, das Gepäck in den Kofferraum geräumt. Abfahrt von Wien nach Graz war für halb neun veranschlagt, zwölf Euro sollte die Reise kosten - die Empfehlung der Website: fünf bis sieben Euro pro 100 Kilometer. Zwei weitere Mitfahrer gesellten sich noch dazu: eine Studentin, die in den Niederlanden lebt, und ein junger Grazer. Schnell war klar: Wer Ruhe sucht (oder Beinfreiheit), ist hier fehl am Platz. Dafür wurde über Wohnen in Amsterdam, Bikram-Yoga und die Situation in Wiener Krankenhäusern diskutiert.

In Anspruch wird der Service von einer bunt gemischten Klientel genommen, sagt Baumann: von Studenten und jungen Berufstätigen, aber auch von Menschen in Fernbeziehungen, Reisenden und Wochenendpendlern. Beide Seiten würden von der Zweckgemeinschaft profitieren: Jeder spare Geld, man sei schnell unterwegs, und die Umwelt werde geschont, weil Autos, die ohnehin schon auf der Straße unterwegs sind, gefüllt werden. "Außerdem ist es schön, nicht allein unterwegs zu sein", sagt Baumann. Die Unterhaltung im Auto sei für viele Fahrtanbieter die Hauptmotivation dafür, sich Mitfahrer zu suchen.

Blick auf die Nummerntafel

Ängstliche Menschen werden wohl eher nicht mitfahren. Baumann glaubt aber, dass die Scheu davor, mit Fremden mitzufahren, heute keine große Rolle mehr spielt. Zur Sicherheit könne man aber vor dem Einsteigen einen Blick auf die Nummerntafel werfen und diese mit den Online-Angaben vergleichen. User würden sich heute aber eher sorgen, ob der Fahrtanbieter auch pünktlich erscheint.

"Die Österreicher sind auf Zuverlässigkeit und Sicherheit aus - und das haben sie im öffentlichen Verkehr eher", sagt Josef Michael Schopf vom Forschungsbereich für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der TU Wien. Er hat vor einigen Jahren bei der Entwicklung einer Mitfahrbörse mitgewirkt und findet es wichtig, dass dabei auch der öffentliche Verkehr miteingebunden wird. Wer keine Mitfahrgelegenheit findet, sollte also zumindest Öffi-Alternativen serviert bekommen.

"Österreich springt nicht an"

Zielgruppe der Plattformen seien nämlich eher Nutzer des öffentlichen Verkehrs, meint Schopf. Dass diesem aber merkbar Passagiere abspenstig gemacht werden, glaubt er trotzdem nicht: "Österreich springt nicht so darauf an." Problematisch sei, dass sich die Mitfahrangebote auf unterschiedliche Plattformen verteilen und eine "kritische Masse" so nicht erreicht werde. "Es werden sicher Millionen Fahrten vermittelt", räumt der Experte ein. "Aber es sind Milliarden Wege, die anderweitig zurückgelegt werden."

Zumindest einen dieser Wege hat unser Vierergespann gemeinsam zurückgelegt. Die Situation im Auto ist für Baumann immer besonders spannend: "Man verbringt mit Menschen Zeit, ohne dass eine Verpflichtung daraus entsteht." Außer das ist erwünscht: Alle Mitfahrer wurden am Ende vom Fahrer nach Hause gefahren - und am nächsten Tag in sein Yogastudio eingeladen. (Franziska Zoidl, DER STANDARD, 28.11.2014)

  • Autos, die ohnehin auf der Straße unterwegs sind,  sollen gefüllt und Umwelt sowie Geldbeutel aller Beteiligten geschont werden.  Wer Beinfreiheit und andächtige Stille sucht, ist fehl am Platz.

    Autos, die ohnehin auf der Straße unterwegs sind, sollen gefüllt und Umwelt sowie Geldbeutel aller Beteiligten geschont werden. Wer Beinfreiheit und andächtige Stille sucht, ist fehl am Platz.

  • Autostoppen 2.0: Im Gegensatz zum Old-School-Pendant bekommt man heute vorab  Informationen über den Fahrer. Ängstliche Menschen werden trotzdem nicht  mitfahren.
    foto: gluschitsch

    Autostoppen 2.0: Im Gegensatz zum Old-School-Pendant bekommt man heute vorab Informationen über den Fahrer. Ängstliche Menschen werden trotzdem nicht mitfahren.

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