Haas-Symposium: Zeitungen produzieren Angebote "noch immer so wie vor dreißig Jahren"

27. November 2014, 14:19
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Kommunikationswissenschafter Haller: Orientierungsleistung des Journalismus geht "deutlich zurück" - Veranstaltung in memoriam Hannes Haas in Wien

Wien - Der "emanzipatorische Journalismus" steht vor einem Problem: Als gesellschaftliche Leistung, die "Information, Kontext und Bewertung" bietet, ist er dem deutschen Kommunikationswissenschafter Michael Haller zufolge auf entsprechend professionelle Rahmenbedingungen angewiesen. Angesichts sinkender Vertriebs- und Werbeerlöse lassen sich diese aber immer schwieriger herstellen.

Der Medienexperte wird am morgigen Freitag in Wien einen Vortrag im Rahmen des Symposiums in memoriam Hannes Haas halten. Der im Frühjahr verstorbene Kommunikationswissenschafter vom Institut für Publizistik der Universität Wien war ein Verfechter des qualitätsvollen Journalismus und hatte zuletzt eine Evaluationsstudie zum Presseförderungssystem in Österreich verfasst. Neben Haller werden u.a. Otfried Jarren, Peter Filzmaier und Horst Pöttker über den aktuellen Zustand des Journalismus sprechen.

Entwicklungen verpasst

Geht es nach Haller, so haben gerade Tageszeitungen in den vergangenen Jahren einige Entwicklungen verpasst. Nicht nur gehe die Orientierungsleistung "deutlich zurück" und hätten Zeitungshäuser "noch kein überzeugendes Geschäftsmodell gefunden, mit welchem sie journalistische Qualität ausdauernd finanzieren können", wie er der APA erklärte. Vor allem produzieren Tageszeitungen ihre Angebote aus Hallers Sicht "noch immer so wie vor dreißig Jahren. Sie haben den soziokulturellen Wandel der Gesellschaft schlicht verschlafen."

Auch im Web 2.0 oder 3.0 bestehe die Kernaufgabe des Journalismus darin, "über das aktuelle Geschehen glaubwürdig und umfassend zu informieren". Aufwendig gestaltete, crossmediale Geschichten bezeichnete Haller als "Sahnehäubchen": "Attraktiv, aber kein Ersatz für die Kernaufgabe." Vielmehr betonte er die Notwendigkeit, journalistische Leistungen "nur noch entgeltlich anzubieten", wofür es etwa in Norwegen oder Belgien gelungene Beispiele gebe. "Kostenlos im Internet bliebe dann nur so eine Art oberflächliches Grundrauschen, den Radionachrichten vergleichbar."

Thema Gratistageszeitungen werden sich erledigen

Das Thema gedruckte Gratistageszeitungen werde sich wiederum "auf kurz oder lang von alleine erledigen, weil diese Verbreitungsform zu teuer und deren Zielgruppen für Werbung uninteressant werden", so Haller. Skeptisch ist der Kommunikationswissenschafter in punkto staatlicher Subvention, herrsche hier doch die Gefahr der "Abhängigkeit". Eine durch die öffentliche Hand finanzierte Journalismusförderung müsse sich aus seiner Sicht "um die journalistisch-handwerkliche Qualitätssicherung kümmern", also in erster Linie in Journalistenausbildung und -weiterbildung investieren. "Hier wäre ja noch viel zu tun."

Einer anderen Form des Journalismus wird sich Wolfgang R. Langenbucher, Vorsitzender des PR-Ethik-Rates und Haas' Vorgänger als Institutsleiter an der Wiener Publizistik, am Freitag widmen. Gemeinsam mit Haas hat er in den vergangenen Jahren für die Fachzeitschrift "Message" journalistische Bücher besprochen, die er im APA-Gespräch "als große Leistungen des Journalismus" bezeichnete. Hier würden sich die Autoren nicht der "Flüchtigkeit aktueller Medien" unterwerfen müssen.

Journalisten als "Triebtäter"

"Es wird, egal welchen Bedingungen der Journalismus unterliegt, immer diese unverzichtbare gesellschaftliche Leistung geben müssen", meinte Langenbucher auf den Status-quo der Profession angesprochen. Journalisten sind aus seiner Sicht zum Teil "Triebtäter": "Sie wollen die Gesellschaft aufklären, wollen kritisieren und auf Wirklichkeiten hinweisen, die sonst verdeckt sind."

Mit Haas habe ihn auch die Einschätzung verbunden, "dass Journalismus etwas ist, was man vom Rang her vergleichen muss mit Literatur, Kunst oder Musik. Um das auf die Frage der Gefährdung zu projizieren: Unter Umständen muss der Staat deshalb tätig werden." Damit sprach Langenbucher das von Haas untersuchte, öffentliche Subventionsprogramm an. "Ob der Staat das auf intelligente Art und Weise tut, hat ihn bewegt." (APA, 27.11.2014)

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