Sprache ist nicht gleich Sprache

Blog27. November 2014, 11:27
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Sprachwissenschaftler haben bislang keine magische Formel entdeckt, ab wann ein Idiom als autonome Sprache gilt. Doch müssen sie das überhaupt?

Mazedonische Volkslieder zählen zu den populärsten am Balkan. Entsprechende YouTube-Videos sind meist sehr gut besucht – und wie es oft am Balkan der Fall ist, strotzen viele Kommentare unter den Videos vor plumpem Nationalismus. Dieser Nationalismus verläuft meistens auf der Achse, ob ein Lied denn mazedonisch oder bulgarisch sei. Nichts Neues für den Balkan, hätte nun wahrscheinlich jeder Kenner der Region gesagt. Wie in Südosteuropa oft der Fall ist, unterscheiden sich die Definitionen und Interpretationen eines und desselben Phänomens von Nation zu Nation drastisch.

Gibt es eine mazedonische Sprache?

Das gilt auch für die Sprache. Für jemanden, der in Jugoslawien geboren und aufgewachsen ist, ist die Existenz der mazedonischen Sprache selbstverständlich. Nicht so bei den Bulgaren – die bulgarische Wikipedia definiert die mazedonische Sprache lediglich als "mazedonische literatursprachliche Norm" ("македонска литературна норма") und beruft sich dabei auf eine Meinung der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften. Demnach sei die mazedonische Sprache eine der drei standardsprachlichen Normen der bulgarischen Sprache.

Die Situation mit dem ehemaligen Serbokroatischen ist nicht viel anders: Während die konservativen und nationalgerichteten Kreise in der kroatischen und serbischen Linguistik davon ausgehen, dass Serbisch und Kroatisch zwei unterschiedliche Sprachen sind oder sogar behaupten, dass Kroatisch oder Bosnisch lediglich eine Form des Serbischen sind oder ihre Existenz gar leugnen, herrscht vor allem in der internationalen Linguistik die Meinung, dass alle vier Nachfolgesprachen des Serbokroatischen – Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch – standardsprachliche Ausprägungen einer Makrosprache sind. Ihnen liegt also ein Sprachsystem zugrunde. Oft wird die Sprachsituation im ehemaligen Jugoslawien als eine plurizentrische beschrieben – demnach seien Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch vier nationale Varietäten einer plurizentrischen Sprache, die bis 1991 eine gemeinsame Bezeichnung Serbokroatisch trug. Weitere plurizentrische Sprachen sind etwa Englisch, Deutsch, Spanisch oder Französisch.

Keine eindeutige Antwort

Doch, wo liegt die Wahrheit? Ab wann kann ein Idiom als Sprache bezeichnet werden? Auf diese Frage hat die moderne Linguistik keine eindeutige Antwort gefunden. Selbstverständlich gibt es in der sprachwissenschaftlichen Forschung Kriterien, nach denen man das gegenseitige Verhältnis der benachbarten Idiome erklärt. Der kroatische Sprachwissenschafter der neuen Generation Mate Kapović hat in seiner Monografie "Čiji je jezik?" ("Wem gehört die Sprache?", 2010) von vier Kriterien gesprochen, nach denen man linguistisch eine Sprache definieren könnte. Das sind einerseits das typologische und genetische Kriterium sowie das Kriterium der gegenseitigen Verständlichkeit. Diese drei Kriterien können als linguistische Kriterien aufgefasst werden.

Wenn zwei Idiome dieselbe Typologie und dieselbe Herkunft aufweisen sowie gegenseitig verständlich sind, kann man durchaus von einer Sprache sprechen. In dieser Hinsicht wären Bosnisch, Kroatisch, Montenegrinisch und Serbisch eine Sprache, weil sie typologisch (flektierende Sprachen) und genetisch (alle vier sind auf dem neustokawischen Dialekt standardisiert) gleich sind. Darüber hinaus sind Unterschiede zwischen diesen vier Standardsprachen nicht so groß, um die gegenseitige Verständlichkeit zu beeinträchtigen. Zu diesen drei Faktoren gesellt sich aber noch ein vierter, außerlinguistischer: Das Verhältnis bzw. die Identifikation der betreffenden Sprachgemeinschaft mit dem eigenen Idiom. Im Falle der Nachfolgestaaten von Jugoslawien haben sich – politisch und ethnisch bedingt – vier Sprachgemeinschaften ausgebildet: die bosnische, kroatische, montenegrinische und serbische Sprachgemeinschaft. Jede dieser Sprachgemeinschaften ist – in unterschiedlichem Maße – von der Autonomie ihrer Sprachvarietät überzeugt und beharrt auf der eigenen Sprachbezeichnung bzw. Standardisierung.

Standardvarietät oder Ausbausprache?

Im Falle des Mazedonischen gestaltet sich die Situation jedoch anders – diese Sprache wurde im Zuge des 20. Jahrhunderts zu standardisiert, wobei ein westmazedonischer Dialekt als Standardbasis herangezogen wurde. Dieser Dialekt ist mit dem Standardbulgarischen zwar eng verwandt, aber nicht wie im Falle des Bosnischen, Kroatischen, Montenegrinischen und Serbischen ident. Aus diesem Grund kann Mazedonisch als keine Standardvarietät einer plurizentrischen Sprache, sondern eher als typisches Beispiel einer Ausbausprache betrachtet werden. Eine Sprache wird als Ausbausprache definiert, wenn sie einer Nachbarsprache zwar sehr ähnlich ist, jedoch in ihrem Gebrauch, ihrer literatursprachlichen Tradition und standardsprachlichen Norm bereits "ausgebaut" ist.

Beispiele aus der Welt

Die Sprache als gesellschaftliches Phänomen war am Balkan in den letzten 150 Jahren ein viel diskutiertes Thema. Diese Region ist aber sicher nicht die einzige in der Welt, in der Idiome mit unterschiedlichen Namen gesprochen werden, die man aber nicht eindeutig als verschiedene Sprachen betrachten kann.
Wenn man zum Beispiel nach Spanien schaut, wird man sehen, dass in der Autonomen Provinz Valencia die valencianische Sprache existiert, die nach den vorhin genannten linguistischen Kriterien als eine Varietät des Katalanischen gilt. Aus politischen Gründen wird Valencianisch aber als autonome Sprache deklariert. In Indien und Pakistan werden Hindi und Urdu gesprochen, die typologisch und genetisch dieselbe Herkunft (Hindustani) aufweisen, heutzutage aber ethnisch und politisch als zwei autonome Sprachen gelten. Als weitere zwei Beispiele können Persisch (Farsi) – Dari – Tadschikisch, die alle auf dem Neupersischen beruhen, sowie Indonesisch (Bahasa Indonesia) – Malaysisch (Bahasa Malaysia), deren linguistische Basis Malaiisch darstellt, angeführt werden. In allen diesen Fällen treten die größten Unterschiede in der Lexik auf, während das grammatische System dieser Sprachen weitgehend ident ist. Dabei kann jedes dieser Idiome durchaus eine eigene literatursprachliche Tradition oder auch Schrift pflegen.

Verschiedene Standardsprachen - ein Kommunikationsraum

Die Definition einer Sprache kann also sowohl linguistisch als auch gesellschaftlich-politisch bedingt sein. Beide Aspekte spielen eine Rolle und können nicht außer Acht gelassen werden. Unterschiedliche Sprachbezeichnungen bzw. Sprachnamen bedeuten dabei nicht unbedingt unterschiedliche und gegenseitig unverständliche Sprachsysteme, sondern sind vor allem ein Ausdruck der eigenen Tradition, nationalen Identifikation bzw. des politischen Willens der jeweilen Sprachgemeinschaft.

Man kann durchaus sagen, dass separate Sprachstandardisierungen vielmehr keinen ungewöhnlichen Prozess in jeder autonomen nationalen und territorialen Einheit darstellen – so wie das Deutsche in Österreich oder in der Schweiz eine eigene Sprachstandardisierung entwickelte, so existierten Kroatisch und Serbisch auch zur Zeit des Serbokroatischen ebenfalls als zwei Varietäten mit unterschiedlichen Normen. Die Sprache in Bosnien-Herzegowina bzw. Montenegro wies ebenfalls Besonderheiten auf, die sich im damaligen polyzentrischen serbokroatischen Standard teilweise niederschlugen.

Auch zwanzig Jahre nach der autonomen Standardisierung aller Nachfolgesprachen des Serbokroatischen hat sich die Situation in der Sprachpraxis und in der alltäglichen Kommunikation nicht wesentlich geändert: Ein Serbe oder Bosniake braucht bei einem Besuch in Zagreb immer noch keinen Dolmetscher, ein kroatischer Film wird in Serbien und Bosnien-Herzegowina nicht übersetzt. Alle national(istisch)en Versuche, aus diesen vier Standardsprachen vier getrennte Kommunikationsräume zu schaffen, sind trotz jüngster traumatischer Vergangenheit kläglich gescheitert oder wurden in der Öffentlichkeit sogar parodiert.

Zu Recht. (Nedad Memić, daStandard.at, 27.11.2014)

Nedad Memić, Chefredakteur des Magazins "Kosmo" und Sprachwissenschafter, bloggt auf daStandard.at regelmäßig über sprachliche Vielfalt.

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    foto: derstandard.at
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