Mechanische Tastaturen im Test: Teurer Gaming-Hype oder lohnende Investition?

11. Juni 2015, 09:19
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Was bringen mechanische Tastaturen? Ein Überblick mit Test

Das Finden der "richtigen" Tastatur ist eine Wissenschaft für sich. So gibt es zwischen den verschiedenen Modellen erhebliche Unterschiede – wie also ein Keyboard finden, das zu einem passt? Häufig wird dies anhand des Preises entschieden. Tastaturen für unter zehn Euro gibt es zuhauf. Wieso mehr Geld ausgeben, wenn es billiger geht? Wieso es sich lohnt, zumindest einmal auf einem teureren Modell geschrieben und gespielt zu haben.

Heutige Computertastaturen haben allesamt einen Vorfahren: die Schreibmaschine. Bereits 1714 reichte der Engländer Henry Mill ein Patent für solch ein Gerät ein. Mehr als zweihundert Jahre später tauchten dann die ersten Computertastaturen auf – allerdings als fester Teil der ersten Rechner. Irgendwann fing IBM dann an, externe Keyboards zu produzieren. Das Layout und Design heutiger Tastaturen geht ebenso auf Geräte des US-Unternehmens zurück.

IBM Modell M - für viele immer noch eines der besten Tastaturen.

Unterschied mechanische und "normale" Tastatur

In den 1980er-Jahren produzierte IBM die Modell-M-Reihe. Die Tastaturen sollten das Tippgefühl von Schreibmaschinen mit sich bringen, gleichzeitig robust sein und mit einem überarbeiteten Layout punkten. Dies hatte allerdings auch seinen Preis, um die 159 Dollar mussten etwa bezahlt werden. Vereinzelt sind Modell-M-Keyboards auch heute noch im Einsatz – für viele gilt sie trotz der hässlichen Farben und des hohen Gewichts immer noch als König der Tastaturen.

Heute versuchen hauptsächlich Hersteller von PC-Gaming-Hardware vergleichbare Modelle herzustellen. Dabei erfreuen sich mechanische Tastaturen nach längerer Zeit wieder größerer Beliebtheit. Diese unterscheiden sich gegenüber "normalen" Modellen durch ihre Bauweise, die sich allerdings auch am Preis niederschlägt. Eine mechanische Tastatur besteht aus kleinen Switches (Schaltern), auf denen die Tasten angebracht sind. Der hohe Preis wird einerseits dadurch gerechtfertigt, dass die Produktion von mechanischen Schaltern deutlich aufwändiger ist, andererseits auch einige Vorteile mit sich bringt.

Hinter einem Großteil solcher Schalter steht die deutsche Firma Cherry aus Auerbach in der Oberpfalz. Das Unternehmen stellt seit mehr als 60 Jahren Tastaturen her und beliefert Hersteller von Keyboards auf der ganzen Welt. Sieben unterschiedliche Schalter hat Cherry mittlerweile im Repertoire. Diese unterscheiden sich beim Tippgefühl und der Geräuschentwicklung deutlich voneinander und sollen den unterschiedlichen Ansprüchen von Gamern und Vielschreibern gerecht werden.

Die unterschiedlichen Cherry MX-Schalter.

Es klackt und klickt

Am häufigsten sind Tastaturen mit roten, blauen und braunen Cherry-Schaltern. Aufgrund der großen Nachfrage haben Hersteller vereinzelt eigene Switches entwickelt. So etwa Razer, Logitech und Topre. Obwohl sich die Firmen ein ständiges Kräftemessen bei Präzision und Geschwindigkeit der Schalter liefern, dominiert Cherry schon länger den Markt. Eines haben die Hersteller jedoch gemeinsam: Ihre Tastaturen kosten deutlich mehr als jene mit gewöhnlichen Rubberdome-Schaltern. Was spricht also für die mechanischen Modelle?

Da die Tastaturen sich primär an Gamer richten, soll ein schnellerer und präziserer Tastenanschlag gewährleistet werden. Hierbei bedienen unterschiedliche Switches unterschiedliche Vorlieben. So gibt es etwa Tastaturen mit sehr geringer Betätigungskraft, beziehungsweise welche mit höherer. Bei manchen Schaltern ist zudem ein Klickpunkt fühlbar, andere kommen ohne aus.

Nicht zu vernachlässigen ist auch die Geräuschentwicklung der Tastatur. Bei längeren Texten oder Gaming-Sessions kann sich die Soundkulisse des Keyboards durchaus zum Störfaktor entwickeln. Auch hier ist eine größere Auswahlmöglichkeit geboten. So gibt es vereinzelt Modelle, die deutlich nach einer Schreibmaschine klingen. Fürs Großraumbüro bieten sich diese Tastaturen also weniger an.

Zuletzt sind mechanische Tastaturen auch deutlich langlebiger als jene mit Rubberdome-Schaltern. Cherry verspricht etwa 50 Millionen Anschläge ohne Qualitätseinbuße der Module, bei Razer sind es 60 Millionen und bei Logitech sogar 70 Millionen. Zugegebenermaßen sind diese Werte nur schwer zu erreichen, trotzdem soll die lange Lebensdauer den hohen Preis rechtfertigen.

Auf zum Test

Soviel zur Theorie, doch wie sieht es nun in der Praxis aus? Der GameStandard konnte drei mechanische Tastaturen über einen längeren Zeitraum testen. Dabei wurden Modelle mit unterschiedlichen Switches aus unterschiedlichen Preisklassen ausgewählt. Beim Test kamen die Tastaturen sowohl in der Arbeit, also auch beim Gaming zum Einsatz.

daniel koller/derstandard.at
Die Steel Series 6Gv2.
koller
So hört sich die Tastatur an.

Steel Series 6Gv2 (rote Cherry MX Switches)

Die mechanische Tastatur von Steel Series ist mit 79 Euro das günstigste Modell. Dementsprechend gering auch die Ausstattung, so weist das Gerät keine Hintergrundbeleuchtung und keine Handballenauflage auf. Ein Nummernpad ist dabei, Makrotasten fehlen gänzlich. Aufgrund des geringen Gewichts und der eingesetzten Tasten wirkt die Tastatur nicht ganz so hochwertig wie die zwei Konkurrenzmodelle.

Die verbauten roten Cherry-MX-Schalter machen aufgrund der geringen Betätigungskraft (45 g) einen guten Eindruck beim schnellen Gaming. Da es weder Umschalt- noch Klickpunkt gibt, ist die Tastatur auch sehr leise. Vielschreiber dürften mit den roten Switches nicht allzu große Freude haben. Teilweise werden Tasten von selbst ausgelöst, dadurch häufen sich bei höherer Schreibgeschwindigkeit die Tippfehler.

Fazit

Insgesamt konnte die Tastatur von Steel Series im Test nicht gänzlich überzeugen. Die Verarbeitungsqualität ist zwar gut, die verwendeten Tasten hinterlassen allerdings einen billigen Eindruck. Zudem sind die roten Switches von Cherry wohl hauptsächlich an Spieler von schnellen Games gerichtet – schreiben lässt sich mit der Tastatur weniger gut. Positiv herauszustreichen sind der Preis, das Durchhaltevermögen und die Geräuschentwicklung.

daniel koller/derstandard.at
Die Razer BlackWidow Ultimate.
koller
So hört sich die Tastatur an.

Razer BlackWidow Ultimate (grüne Razer Switches)

Hierbei handelt es sich um das "Mittelklasse"-Modell unseres Tests – Razer verlangt für die Tastatur 159 Euro, teilweise erhält man das Gerät aber auch schon um die 120 Euro. Die BlackWidow Ultimate kommt ohne Handballenauflage, dafür mit Hintergrundbeleuchtung aus. Fünf Makro-Tasten sowie ein Nummernpad wurden ebenso verbaut. Die Tastatur ist mit 1500 Gramm deutlich schwerer als das Modell von Steel Series, insgesamt macht das Razer-Keyboard einen hochwertigen Eindruck.

Die grünen Razer-Switches sind deutlich den blauen Cherry-MX-Schaltern nachempfunden. So will der US-Hersteller allerdings bei der Geschwindigkeit und der Lebenszeit nachgebessert haben. Besonders beim Schreiben macht die Tastatur einen wahrlich guten Eindruck. Auch beim Gaming müssen die Razer-Schalter keine Federn lassen. Die Betätigungskraft ist etwas höher (50g) als beim Steel Series-Modell, nach einer kurzen Eingewöhnungsphase kommen Tippfehler praktisch nicht mehr vor. Des einen Freud des anderen Leid: Die Switches sind sehr laut und klanglich einer Schreibmaschine nachempfunden.

Fazit

Für die Razer BlackWidow Ultimate kann eine klare Empfehlung ausgesprochen werden. Besonders Vielschreiber werden mit der Tastatur ihre Freude haben. Nach einem fast einjährigen Test war hierbei keine Verschlechterung spürbar. Als einziger Negativpunkt kann Razers Softwaretreiber Synapse gewertet werden, der teilweise zu Problemen mit der Tastatur führte. Neutral verbleibt die hohe Geräuschentwicklung der Razer-Switches – fürs Büro ist die BlackWidow nicht geeignet. Fans leiserer Tastaturen sollen mit einer eigenen "Stealth"-Version zudem angesprochen werden.

daniel koller/derstandard.at
Die Logitech G910.
koller
So hört sich die Tastatur an.

Logitech G910 (Romer G-Switches)

Die teuerste Tastatur unseres Tests kommt vom Hersteller Logitech. 189 Euro verlangen die Schweizer für ihr Top-Modell - der Straßenpreis liegt mit 149 Euro aber ebenso deutlich darunter. Für viel Geld bekommt man allerdings auch viel Ausstattung: Gleich zwei Handballenauflagen wurden der G910 beigelegt, die RGB-Hintergrundbeleuchtung ermöglicht ein wahres Farbfeuerwerk. Neun Makrotasten wurden verbaut, zudem kann mittels Tasten zwischen vier verschiedenen Profilen gewechselt werden, eigene Mediensteuerungstasten sind ebenso an Board. Logitech spendierte der Tastatur zusätzlich noch ein Dock fürs Smartphone – allerdings kann das Mobiltelefon nur in diese hineingestellt, nicht aber angeschlossen werden. Per App kann das Smartphone etwa Zusatzinformationen zum PC oder Spiel liefern. Die G910 macht einen sehr hochwertigen Eindruck, anfangs ist man mit der Tastatur vielleicht etwas überfordert.

Mit den Romer G-Switches geht der Schweizer Hersteller ebenso einen eigenen Weg. Diese sind den braunen Cherry MX-Switches nachempfunden und bieten eine sehr ordentliche Zwischenlösung für Gamer und Vielschreiber. Die Betätigungskraft liegt wie bei der Steel Series-Tastatur bei 45 Gramm, insgesamt treten aufgrund der hochwertigen Tasten weniger Tippfehler auf. Zudem ist das Modell nicht so laut wie etwa die Razer BlackWidow.

Fazit

Die Logitech G910 ist ebenso sehr empfehlenswert. Die verbauten Switches und Tasten sind optimal für Vielschreiber und Gamer, zudem lassen die vielen Zusatztasten keine Wünsche offen. Die Tastatur konnte zwar nur zwei Monate getestet werden, aber zumindest in diesem Zeitraum konnten keine Fehler oder Qualitätseinbußen entdeckt werden. Auch die Geräuschentwicklung fiel nicht störend auf. Einzig das nicht so smarte Smartdock ohne Anschluss sollte überdacht werden.

Selbst ausprobieren

Zum Abschluss muss noch erwähnt werden, dass die unterschiedliche Auffassung der Schalter absolut subjektiv ist. Wer also mit dem Gedanken spielt, sich eine mechanische Tastatur zu beschaffen, sollte diese auf jeden Fall zuvor getestet haben. Kleine Warnung vorweg: Es gibt dann keinen Weg zurück auf gewöhnliche Tastaturen. (Daniel Koller, 11.06.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Testmuster wurden von den Herstellern zur Verfügung gestellt.

Links

Razer

Logitech

Steel Series

Nachlese

Apex M800: Flotte Gaming-Tastatur für 200 Euro

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