"Preisverfall vor allem durch Spekulation getrieben"

Interview27. November 2014, 09:01
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Energieökonomin Claudia Kemfert bezweifelt, dass die Opec ihre Preisvorstellungen durchsetzen kann. Dank Überangebots an Öl setzten Investoren auf fallende Preise

STANDARD: Haben Sie eine Erklärung für den Verfall der Ölpreise?

Kemfert: Das Ölangebot ist derzeit hoch, nicht zuletzt durch die verstärkte Ölförderung in den USA. Zudem wird mit weniger Nachfrage gerechnet. Neu ist, dass die Erwartungen sich ändernder Ölpreise verstärkt Spekulanten und Investoren anlocken. Der starke Preisverfall zuletzt ist vor allem durch Spekulation getrieben.

STANDARD: Auch Verschwörungstheorien schießen ins Kraut. Völlig abwegig?

Kemfert: Immer wenn Spekulationen Hauptursache für Preisreaktionen sind, haben Verschwörungstheorien Hochkonjunktur.

STANDARD: Was erspart sich Europa, wenn der Ölpreis bei 80 Dollar verharrt?

Kemfert: Ein niedriger Ölpreis ist für die konjunkturelle Entwicklung in Staaten mit hohen Ölimporten, wie es in Europa der Fall ist, grundsätzlich eher positiv zu werten. Die Volkswirtschaften in Europa gehen jedoch immer sparsamer mit Öl um, verbessern die Energieeffizienz kontinuierlich, sodass sie für Ölpreissprünge auch immer weniger anfällig sind.

STANDARD: Hat die Opec das Heft hinsichtlich der Ölpreise noch in der Hand?

Kemfert: Grundsätzlich schon, da eine deutliche Ölangebotsverknappung seitens der Opec durchaus Signale für mögliche steigende Ölpreise senden könnte. Die Ölpreisentwicklung wird derzeit allerdings weniger durch fundamentale Marktdaten bestimmt als in erster Linie durch Erwartungen und Meinungen. Solange die Marktteilnehmer weiterhin glauben, dass die Welt in Öl schwimmt und die USA weiterhin große Mengen an Öl produzieren können, werden Signale der Opec vermutlich eher verpuffen.

STANDARD: Könnten die gravierenden Budgetprobleme von Ländern wie Venezuela, Iran, Algerien bis zum Nicht-Opec-Mitglied Russland diese enger zusammenschweißen?

Kemfert: Keines der genannten Opec-Länder hat derzeit grundsätzlich Interesse, weniger Öl zu verkaufen. Somit wird es innerhalb der Opec schon schwierig genug, eine mögliche Förderkürzung durchzusetzen. Eine Kooperation mit Russland erscheint daher eher unwahrscheinlich.

STANDARD: Die Opec wurde öfters totgesagt und hat sich immer wieder erfangen. Was ist der Kitt, der die Länder mit doch deutlich unterschiedlichen Interessen zusammenhält?

Kemfert: Derzeit eint die Länder vor allem das gemeinsame Interesse der Gewährleistung steigender Ölpreise. Allerdings sind die Einzelinteressen der Staaten in der Tat sehr unterschiedlich. Es wird interessant zu beobachten sein, ob die Opec sich zu einer gemeinsamen Strategie der Ölförderquotenentwicklung überhaupt wird durchringen können.

STANDARD: Inwieweit können die tieferen Ölpreise der Energiewende schaden?

Kemfert: Öl wird ja in erster Linie im Bereich der Gebäudeenergie und Mobilität eingesetzt, weniger zur Stromerzeugung, bei der erneuerbare Energien eine immer größere Rolle spielen. Grundsätzlich verleiten niedrige Energiepreise eher zu einem weniger effizienten Umgang mit Energie. Insofern können niedrige Ölpreise eher die nachhaltige Gebäudeenergie- und Mobilitätswende gefährden, wenn die Politik nicht gegensteuert.

(Günther Strobl, DER STANDARD, 27.11.2014)

Claudia Kemfert (45) leitet seit April 2004 die Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Kemfert studierte Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Bielefeld, Oldenburg und Stanford.

  • Ökonomin Claudia Kemfert hält die Macht des Opec-Kartells über den Ölpreis für überschaubar.
    regine hendrich

    Ökonomin Claudia Kemfert hält die Macht des Opec-Kartells über den Ölpreis für überschaubar.

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