Mit Berliner Ideen in Richtung Ganztagsschule

26. November 2014, 18:32
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Die Kindergartenqualität muss erhoben, mehr ganztägige Schulplätze geschaffen werden – mit Rechtsanspruch, sagt ÖVP-Staatssekretär Mahrer

Einer will es in der Berliner Kindertagesstätte Ina genau wissen: "Seid ihr alle Politikaaa?" Einen Verdacht hat der, geschätzt, Vierjährige bereits: "Nur die mit Krawatte!"

Die von Harald Mahrer war an diesem ersten Tag seiner "Fact-Finding-Mission" in Berlin blau geblümt, die Hose hoch, der Geist voll Tatendrang. Dass der schwarze Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung gerade bei den deutschen Nachbarn Anregungen für das heimische Bildungssystem finden will, erklärt sich weder Kraft seines Amtes, noch dadurch, dass die Deutschen hier Vorreiter wären. Die Bildung hat sich Mahrer aus persönlichem Interesse und aufgrund der Bedeutung für Wissenschaft und Wirtschaft zum Steckenpferd gemacht. Und die Deutschen seien uns eben ähnlich. Jedenfalls was das in die Jahre gekommene Bildungssystem betrifft.

Notwendige Irritationen

Aber auch dort gibt es einzelne Kitas und Schulen, die innerhalb der Möglichkeiten des Systems das Unmögliche versuchen und Bildung neu denken. Margret Rasfeld etwa, Schulleiterin einer dieser Leuchtturmschulen. "Wir brauchen Irritationen, um aus unserer Haltung herauszukommen", erklärt die Frau an der Spitze der Evangelischen Schule Berlin Zentrum beim Ösi-Besuch ihren ungewöhnlichen Schulalltag (siehe "Bausteine für eine neue Schule"). Der hat mit Schule, wie man sie gemeinhin kennt, nur mehr wenig zu tun. Rasfelds Motto von der notwendigen Irritation passt aber auch gut zu der rund 20 Mann und Frau starken Reisebegleitung Mahrers, die nicht nur aus schwarzen Reform-, sondern auch Beharrungskräften besteht.

Gelegenheit, die Skepsis über Bord zu werfen, gab es bei der zweitägigen Bildungsexkursion zuhauf. Erste Station: Erika-Mann-Grundschule in Berlin Wedding, 79 Prozent der Eltern beziehen Transferleistungen, 81 Prozent der Kinder kommen aus Familien, deren Herkunftssprache nicht Deutsch ist. Die Schulleitung antwortet mit einer offenen Ganztagsschule, jahrgangsübergreifendem Unterricht, der Inklusion Behinderter, Tanz- und Theaterunterricht (impliziter Spracherwerb!), keine Noten, um nur einige Eckpunkte aufzuzählen. Dass man auch in den Ferien geöffnet hat, das Personal bereits ab sechs Uhr früh für die Kinder da ist, sie mit Frühstück versorgt, aber auch nach 17 Uhr im "Zu-Spät-Hort" auf die Eltern gewartet wird, gefällt dem Staatssekretär besonders gut. Auch in Österreich sei so eine ganztägige Schulform notwendig, "viel notwendiger, als man gemeinhin glaubt", auch in ÖVP-Kreisen. Das höre er immer wieder. Aber Mahrer kennt auch die andere Seite. Jene Eltern, die fürchten, dass man sie damit zwangsbevormundet. So soll es nicht sein. Aber jenen, die ein ganztägiges Angebot brauchen, will er es anbieten - sogar mit Rechtsanspruch, sagt Mahrer, um dann einzuschränken: "Wenn wir es finanzieren können."

Viel Gepäck

Nach dem Besuch bei "sofatutor.com", einem Start-up, das Onlinenachhilfe via Lernvideos anbietet, in einem ehemaligen Parkhaus, in dem die Autos Platz für Kindergartenkinder machten (25 Herkunftsländer, 20 Prozent davon türkischsprachig), einem Abstecher in jenes Institut, das über die Qualität der Berliner Kitas wacht und dem abendlichen Austausch mit Jörg Dräger, dem Chef der Bertelsmann-Stiftung ("Verdammt, stellt die Pädagogik um, so, dass alle in den Bildungsaufzug steigen!"), nimmt der Staatssekretär u. a. folgenden Auftrag für das eigene politische Handeln mit nach Hause: mehr Schulautonomie, "auch budgetäre", verbunden mit mehr Transparenz, sprich der Evaluierung der Qualität im Kindergarten. Der Steuerzahler habe "ein Recht darauf zu wissen, was er mit seinem Geld finanziert". Ebenfalls in Mahrers Reisegepäck: "Wir brauchen einen Schub im Bereich Digitalisierung."

Jeder nimmt etwas anderes mit

Brigitte Jank, um deren Ablöse als Bildungssprecherin Gerüchte kursieren, die sie aber nicht bestätigt, will sich auch gegen Ende der Reise das österreichische Schulsystem nicht schlechtreden lassen. Oberösterreichs Landesschulrat Fritz Enzenhofer hat immer noch die Forderung nach mehr Sanktionsmöglichkeiten für Schüler mit im Gepäck. Daniel Landau, Obmann der Bildungs-NGO "Jedes Kind", nimmt mit, dass ein System "dann gut gelingen kann, wenn Wertschätzung gelebt wird". ÖVP-Berater Andreas Salcher will statt "Scheindiskussionen über die Sommerferien" eine Stärkung der Schulleiter und mehr Autonomie. Er sieht jetzt dafür ein "window of opportunity". Harald Mahrer hatte bei der Heimreise einen Gangplatz. (Karin Riss aus Berlin, DER STANDARD, 27.11.2014)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Diese Reise erfolgte auf Einladung des Staatssekretariats im Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft.

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Bausteine für eine neue Schule

  • Staatssekretär Harald Mahrer  holt sich in der Berliner Erika-Mann-Schule Ideen für die Ganztagsschule.
    foto: standard/riss

    Staatssekretär Harald Mahrer holt sich in der Berliner Erika-Mann-Schule Ideen für die Ganztagsschule.

  • In der Berliner Kindertagesstätte Ina haben die Eltern der Kinder 25 Herkunftsländer.
    foto: standard/riss

    In der Berliner Kindertagesstätte Ina haben die Eltern der Kinder 25 Herkunftsländer.

  • Man setzt auf Elternmitarbeit und freut sich über ein großzügiges Platzangebot in einer ehemaligen Parkgarage.
    foto: standard/riss

    Man setzt auf Elternmitarbeit und freut sich über ein großzügiges Platzangebot in einer ehemaligen Parkgarage.

  • Bildung fängt bei den Kleinsten an, das hatte Mahrer schon vor der Expedition mit im Gepäck.
    foto: standard/riss

    Bildung fängt bei den Kleinsten an, das hatte Mahrer schon vor der Expedition mit im Gepäck.

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