Notwendiger Kraftakt

Kolumne26. November 2014, 17:11
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Der Zustrom von Flüchtlingen wird nicht aufhören, und das zu bewältigen ist eine nationale Aufgabe

Auch nach der Aufregung rund um Traiskirchen geht der Flüchtlingsstrom aus Syrien und anderswo unvermindert weiter. Wohin mit den Menschen? Wird es nach der von der Innenministerin triumphierend angekündigten "historischen Lösung" - Verteilungszentren in allen Bundesländern - mehr Gemeinden geben, die Platz für die Heimatlosen schaffen? Jeder versteht, dass Traiskirchen den Ansturm nicht mehr bewältigen kann. Aber die Unterbringung in kleinen Gemeinden ist auch problematisch. Jetzt schon funktioniert sie manchmal gut, manchmal aber auch ganz und gar nicht.

Das Positive zuerst: In einer mittleren Gemeinde taten sich Pfarrer und Bürgermeister zusammen und riefen die Bevölkerung zur Mithilfe auf. Ein leerstehendes Haus fand sich, Gemeindebewohner brachten Möbel und Hausrat, ein Internat gab Freiplätze für Kinder. Die Erwachsenen, die als Asylwerber nicht regulär bezahlte Arbeitsplätze annehmen dürfen, arbeiten gegen Naturalien und Spenden. Man kam und kommt gut miteinander aus. Aber eine Kontrolltour durch Flüchtlingsquartiere förderte auch schandbare Zustände zutage. Familien, zusammengepfercht in einem Zimmer in einer heruntergewirtschafteten Pension, Schimmel an den Wänden, kalt, kein Platz für die Kinder zum Spielen, unfreundliche Wirtsleute, misstrauische Nachbarn. Das Ganze weit abgelegen, keine Chance zum Deutschlernen, zur Beratung, zum Kontakt mit Landsleuten. Zum Verzweifeln.

Leicht ist das Leben als mittelloser Flüchtling nie. Aber es ist erträglicher in Städten als in entlegenen Dörfern. Es hilft, wenn es irgendjemanden gibt, mit dem man sich in der eigenen Sprache austauschen, Informationen aus der Heimat und Nachrichten von den zurückgebliebenen Angehörigen bekommen kann. Wenn mehrere Familien sich zusammentun und ein wenig Selbstbestimmung üben können: selber einkaufen, selber kochen, einander mit den Kindern helfen. Wenn Berater da sind und Deutschkurse angeboten werden. Wenn man nicht völlig hilflos und ohnmächtig ist. Es ist nachvollziehbar, dass junge Männer, die oft jahrelang ohne Geld, ohne Beschäftigung, ohne Perspektive in irgendeinem Kaff sitzen, ihr Heil in der Kriminalität oder im Heiligen Krieg suchen.

Der Zustrom von Flüchtlingen wird nicht aufhören.Vergebliche Hoffnung, dass nach einiger Zeit alles wieder wird wie zuvor und alle Vertriebenen wieder in ihre Heimatländer zurückkehren werden. Nein, sie werden noch eine ganze Weile bleiben, und es werden mehr werden. Dies zu bewältigen ist eine nationale Aufgabe, die wir nicht allein den Behörden überlassen können. Bürokraten und Polizisten sind mit ihr überfordert. Jetzt ist die Zivilgesellschaft gefragt. Die Hilfsorganisationen tun, was sie können, aber es braucht mehr: eine Kraftanstrengung aller, von der Politik unterstützt, vom Bundespräsidenten bis zum Ortsvorsteher. Es gibt keinen anderen Weg als Integration, trotz Boulevard und FPÖ. Schweden geht ihn erfolgreich. Dass es auch hierzulande geht, haben die Österreicher beim Ungarnaufstand l956 bewiesen. Kein Grund, warum es nicht auch heute zu schaffen wäre. (Barbara Coudenhove-Kalergi, DER STANDARD, 27.11.2014)

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