Sammelfrüchte eines Mitläufers

26. November 2014, 17:14
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Die über Raubkunst finanzierte Retrospektive zum OEuvre eines Starregisseurs der NS-Ära in Wien wirft Fragen auf: Wird in Sachen Gustav Ucicky Propaganda unter dem Deckmantel der Objektivität betrieben? Im Fokus steht auch eine Einigung mit den Erben nach Felsovanyi: Klimts Porträt von Gertrud Felsövanyi soll versteigert, der Erlös geteilt werden

Der Film, erläuterte Reichsminister Goebbels anlässlich der Kriegstagung der Reichsfilmkammer am 15. Februar 1941, sei kein bloßes Unterhaltungs-, sondern ein Erziehungsmittel. Die große Kunst bestünde jedoch darin: "zu erziehen, ohne dass das Objekt der Erziehung überhaupt bemerkt, dass es erzogen wird". Der Applaus des Publikums war der Überlieferung nach frenetisch. Dass Regisseur Gustav Ucicky unter den Anwesenden war, gilt es zu vermuten.

Goebbels hatte dem Starregisseur im Jahr davor über Hitler einen steuerfreien Bonus in der Höhe von 60.000 RM und unabhängig von seinem Jahresverdienst (112.032 RM) zukommen lassen. Zum Vergleich: Das jährliche Einkommen eines Gauleiters lag bei 30.000 RM. Welche Kunstwerke sich Ucicky 1940 leistete ist nicht bekannt, nur, dass ihm sein Einkommen diese Leidenschaft finanzierte.

Eine besondere Vorliebe hegte er für Arbeiten Gustav Klimts, dessen unehelicher Sohn er war, wie Ucicky-Witwe Ursula behauptet. Dokumente, die derlei belegen, sind nicht bekannt. Es sei denn, man zieht die Memoiren von Gustav Rinesch ins Kalkül, ein in dieser Ära tätiger Rechtsanwalt. Demnach habe Ucicky der UFA zum Nachweis seiner arischer Herkunft ein anthropologisches Gutachten vorgelegt, in dem es um eine von Klimt weithin bekannte Anomalie ging: der 23-rippige Gustav senior war damit als "natürliche" Vater des 23-rippigen Gustav junior bewiesen.

"Ein Vollblutkünstler, kein Held"

Nachweise spielen bis heute eine Rolle. Aktuell versucht sich das Filmarchiv, wie berichtet, an der Neubewertung des filmischen OEuvres des "Mitläufers". Das Leben "des wichtigsten Regisseurs der NS-Zeit" sei "ein Krimi der ganz anderen Art", entrierte der ORF (Kulturmontag, 24.11.) den zugehörigen Beitrag. Im Exklusiv-"Interview" stellte sich dort erstmals seine Witwe der Öffentlichkeit. Ucicky, mit dem sie (bis zu seinem Tod 1961) vier Jahre lang verheiratet war, habe "mitlaufen müssen", er sei eben "ein Vollblutkünstler und kein Held gewesen".

Frank Stern, Leiter des Schwerpunkts visuelle Zeit- und Kulturgeschichte am Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien), sieht das differenzierter: Ucicky sei durch die damaligen politischen Veränderungen kein "Regisseur der die NS-Propaganda vertritt geworden", vielmehr stand er bereit. Der "deutschnationalen, völkischen und traditionalistisch militaristischen" Denke habe er schon vor 1933 entsprochen. War die Situation für den "vereinnahmten" Ucicky tatsächlich ausweglos und ohne jedwede Option? Nein, widerspricht Stern, Alternativen habe es immer gegeben.

Verfälschte Filmgeschichte?

Den monografischen Ansatz der seit vergangener Woche laufenden Werkschau (bis 11.1. 2015) beurteilen nicht in das Projekt involvierte Filmhistoriker indes überaus kritisch. Einerseits werde hier eine eigenständige Künstlerperson postuliert, indem man ein individuelles künstlerisches Oeuvre ausstellt; es steht also der "ganze Ucicky" zur Debatte. Andererseits separiere man dann den scheinbar neutralen "Handwerker" oder "Profi" Ucicky von der Politik seiner Filme und seiner Karriere. Diese "sauberen" oder "objektiven" Trennungen seien in der Filmgeschichtsschreibung grundsätzlich fragwürdig.

Die Pläne dazu waren als Stiftungszweck der von der Ucicky-Witwe im Herbst 2013 gegründeten Klimt-Foundation bekannt. Zur Erinnerung: Das seit Jahren als Raubkunst bekannte Klimt-Werk Wasserschlangen II war Gegenstand einer Einigung mit den Erben nach Jenny Steiner. Das Gemälde wechselte über einen von Sotheby's vermittelten Private Sale für 112 Mio. Dollar den Besitzer, der Erlös wurde aufgeteilt.

Mit ihrem Anteil gründete Ursula Ucicky jene Foundation, die dieses Projekt nun direkt mitfinanzierte; indirekt ist daran auch das Bundeskanzleramt (Kultursektion) über Subventionen beteiligt.

Wie hoch die finanzielle Zuwendung war? Weder als Managing Direktor des Leopold Museums, das die Retrospektive nicht alimentiert, noch in seiner Funktion als von Ursula Ucicky auf Lebenszeit berufener Vorstand der Foundation, will Peter Weinhäupl dazu Angaben machen. Nur so viel: Es war eine "einmalige sowohl finanzielle als auch inhaltliche" Unterstützung. Laut Programmheft gehörte dazu beispielsweise die Restaurierung von insgesamt zehn Filmen. Fachleute beziffern die Kosten dafür in einer Region von 10.000 bis 250.000 Euro - je Film.

Ucickys offene Restitutionscausa

Auch wenn dies nichts zur Sache tut, da jedem vorbehalten bleibt, wie er mit Verkaufserlösen verfährt: Die Erben nach Steiner erfuhren von diesen "Ucickywochen" aus den Medien. "Aus der Bereicherung der Vergangenheit wird unzweifelhaft der Versuch der Reinwaschung betrieben", ist Alfred Noll, Anwalt der Steiner-Enkelin, überzeugt.

Was allerdings Filmproduzent Eric Pleskow, der nach dem Anschluss in die USA emigrieren musste, davon hält, dass womöglich NS-Propagandafilme in dem ihm namentlich gewidmeten Metro-Kinosaal gezeigt werden, ist nicht bekannt. Projektleiter Armin Loacker bestätigt, dass Teile der Retrospektive dort stattfinden werden.

Was Anthony Felsovanyi davon gehalten hätte, wird man nie erfahren. Er verstarb kurz nach der Gründung der Klimt-Foundation. Jahrelang hatte er sich um die Rückgabe des Porträtbildnisses seiner Mutter Gertrud Loew-Felsövanyi bemüht. Vergeblich. Ursula Ucicky hatte keinen einzigen seiner Briefe beantwortet. Stattdessen brachte sie das Gemälde in die Stiftung ein.

So zügig seither andere Projekte umgesetzt wurden – zwei Publikationen (Edition Klimt, Edition Klimt-Research) oder Umbau der Büroräumlichkeiten – war anderes von Außen betrachtet ins Hintertreffen geraten. Etwa der im Herbst vergangenen Jahres angekündigte Zeitrahmen zur Klärung dieser Causa (bis Ende 2013). "Weil so etwas anscheinend immer irrsinnig lange dauern muss, mit Restitutionsfragen und solchen Sachen", begründete Ursula Ucicky im ORF-Interview.

25 bis 70 Millionen Dollar

Das im April 2014 von zwei Provenienzforscherinnen vorgelegte Dossier wurde von einer unabhängigen Rechtsexpertenkommission unter Clemens Jabloner begutachtet, die sich Anfang September für eine Restitution aussprach. Seither wird um eine Einigung gefeilscht.

Derzeit wird das Gemälde restauriert, damit es als Leihgabe im Zuge der bevorstehenden MAK-Ausstellung "Wege der Moderne" (17.12.2014-19.4.2015) in frischem Glanz erstrahlt. Erstmals seit 1964 wird es dann in der Öffentlichkeit zu sehen sein. Laut Ernst Ploil, Anwalt der Erbin nach Anthony Felsovanyi, habe man sich zwischenzeitlich mündlich geeinigt und steht eine schriftliche Vereinbarung unmittelbar bevor: Demnach wird das Gemälde versteigert und der Erlös anschließend geteilt.

Von Auktionshäusern werden nun Schätzungen eingeholt. Zur Orientierung: Die Klimt-Foundation hatte im September einen Wert von 25 Millionen Dollar verlautbart. Zumindest 30, wenn nicht sogar 70 Millionen kalkuliert dagegen Alfred Weidinger, Vizedirektor des Belvedere. (Olga Kronsteiner, DER STANDARD, 27.11.2014, Langfassung).

  • Den Wert des 1902 von Klimt gemalten Porträts Gertrud Loew-Felsövanyi schätzt Alfred Weidinger (Vizedirektor Belvedere) auf zumindest 30, wenn nicht 70 Millionen Dollar.
    foto: klimt-foundation

    Den Wert des 1902 von Klimt gemalten Porträts Gertrud Loew-Felsövanyi schätzt Alfred Weidinger (Vizedirektor Belvedere) auf zumindest 30, wenn nicht 70 Millionen Dollar.

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