Experte Rürup fordert ehrliche Pensionsdebatte

Interview27. November 2014, 07:00
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Der ehemalige deutsche Wirtschaftsweise sieht ein "echtes Versorgungsproblem" für junge Generationen

STANDARD: Es gibt eine Lücke zwischen letztem Aktivbezug und der Pension. Die hat es immer gegeben und wird es wohl immer geben ...

Rürup: Diese Lücke gab es immer. Aber für die nach 1990 Geborenen wird sie als Folge der lebenslangen Durchrechnung besonders groß werden. Die Jungen werden im Vergleich zu den älteren Jahrgängen ein echtes Versorgungsproblem bekommen. Wenn man will, dass eine Altersvorsorge in etwa den Lebensstandard sichern soll, muss man die staatliche Pension ergänzen. Sonst hat man Abschied vom Lebensstandardprinzip genommen.

STANDARD: Warum wird privat dann aber so wenig vorgesorgt?

Rürup: Für die meisten Österreicher ist die gesetzliche Pension ja noch sehr auskömmlich. Die von den jüngsten Leistungsrücknahmen Betroffenen realisieren das noch nicht. Leute, die heute 20, 25 Jahre alt sind, haben anderes im Kopf, als an die spätere Pension zu denken. Man sollte informieren und Anreize setzen, dass die Jungen etwas machen. Das, was man in jungen Jahren nicht anspart, kann man später kaum aufholen.

STANDARD: Die jungen Leute schreien aber nicht auf. Was genau soll und kann man für diese Gruppe tun?

Rürup: Die Politik müsste ehrlich sagen, wie deutlich geringer ihre Pensionen im Vergleich zu denen ihrer Großeltern und Eltern ausfallen werden. Im Übrigen glaube ich nicht an den Krieg der Generationen. Die Beziehungen zwischen den Generationen erschöpfen sich nicht im fiktiven Generationenvertrag des Pensionssystems. Das sieht man an den innerfamiliären Transferzahlungen. Großeltern bezahlen etwa das Studium der Enkel. Die Jungen sehen, wie komfortabel derzeit noch die Versorgung der Älteren ist. Ändern wird sich erst etwas, wenn Enkel sehen, dass es ihre Großeltern in der Pension nicht mehr so gut haben. Dann wird sich der Vorsorgegedanke ändern.

STANDARD: Man kann das gesetzliche Pensionsantrittsalter erhöhen und darauf achten, dass sich das effektive Antrittsalter dem gesetzlichen angleicht. Es bleibt aber das Problem, dass es immer die älteren Arbeitnehmer sind, die für Unternehmen zu teuer werden und vor Pensionsantritt verabschiedet werden ...

Rürup: Hier setzt ein Umdenken ein. Man entlässt ältere Beschäftigte nur, wenn man sicher sein kann, dass man ähnlich gut qualifizierte jüngere Mitarbeiter bekommt. In Deutschland ist das in vielen Köpfen der Unternehmer schon drin, in Österreich möglicherweise noch nicht, weil die Zuwanderung hier mehr vom demografischen Druck wegnimmt.

STANDARD: Was müsste man gesellschaftlich und politisch tun, um die Jungen besser zu integrieren?

Rürup: Ich wünsche mir, dass die Politik in Generationen denkt und weniger in Kategorien der Parteienklientel. Aber vielleicht ist das ein Preis der Demokratie.

STANDARD: Es will aber auch niemand, der wiedergewählt werden will, die heißen Kartoffeln anfassen ...

Rürup: Ja. Hinzu kommt, dass Österreich ein Land der großen Koalitionen ist. Daher arrangiert man sich immer irgendwie. Konflikte werden kleindiskutiert. Man macht immer nur kleine Schritte, was kein Fehler wäre, wenn sie in die richtige Richtung gingen.

STANDARD: Österreich blickt bei vielen Themen neidvoll auf den Norden - so auch bei den Pensionen. Warum übernimmt man das System etwa von Schweden nicht einfach?

Rürup: Man kann ein etabliertes, historisch gewachsenes Pensionssystem nicht von heute auf morgen durch ein neues ersetzen. Die im bestehenden System erworbenen Ansprüche müssen anerkannt bleiben. Ein kompletter Systemwechsel dauert immer fast zwei Generationen. Deswegen glaube ich, dass es besser ist, ein bestehendes System schrittweise fit für die Zukunft zu machen. (Bettina Pfluger, DER STANDARD, 27.11.2014)

Bert Rrürup (71) ist Präsident des Handelsblatt Research Institute. Von 2000 bis 2009 gehörte er dem Rat der Wirtschaftsweisen an, der die deutsche Regierung berät. In den 90er-Jahren hat er das österreichische Sozialministerium beraten. Rürup war als Gast beim S-Versicherung-Pensionsgipfel in Wien.

  • Der Generationenvertrag im Pensionssystem schafft laut dem Wissenschafter Bert Rürup keinen Konflikt. Fakt sei aber, dass die heute Jungen nicht so gut versorgt sein werden wie ihre Großeltern.
    foto: heribert corn

    Der Generationenvertrag im Pensionssystem schafft laut dem Wissenschafter Bert Rürup keinen Konflikt. Fakt sei aber, dass die heute Jungen nicht so gut versorgt sein werden wie ihre Großeltern.

  • Bert Rürup glaubt an ein Umdenken bezüglich älterer Arbeitnehmer.
    foto: thomas preiss

    Bert Rürup glaubt an ein Umdenken bezüglich älterer Arbeitnehmer.

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