Atavismus

Einserkastl26. November 2014, 17:07
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Eine Gesellschaft braucht vielleicht ein gewisses Maß an Unvernunft

Wir leben in einer Verbotsgesellschaft, sagen viele. Alles, was Spaß macht und eventuell ein bisschen (oder ein bisschen sehr) ungesund ist, sei verboten oder zumindest von grämlichen Jute-Birkenstock-TrägerInnen für gesellschaftlich unerwünscht erklärt.

Ist ja was dran. Aber manchmal möchte man selbst verbieten. Und zwar vorzugsweise jenen groben bis gefährlichen Unfug, der bei uns unter "Heimat-Folklore" läuft. Dann liest man solche Meldungen: Bei einem Krampuslauf in Kärnten wurde eine 40-jährige Frau mit der Rute so stark gegen das Bein geschlagen, dass eine lebensgefährliche Lungenembolie folgte. Jeder, der einmal bei einem Krampus- oder einem Perchtenlauf dabei war, weiß, dass hier oft volltrunkene Männer in Kostümen sexuelle Aggression und entsprechenden Frust ganz schön gewalttätig an Frauen auslassen. Die Perchten an sich sind ein irgendwie faszinierender Rest Atavismus. Geht es ohne Aggression gegen Frauen auch? Offenbar nein.

Oder die Liebe zu oft selbstgebastelten Feuerwerkskörpern. Soeben haben sich ein Vater und sein Sohn mitsamt ihrem Kracherlager in die Luft gesprengt. Ein bekannter Sportler hat sich mit einem Böller die Hand zerfetzt. Regelmäßig setzen Silvesterraketen etwas in Brand oder verletzen Personen schwer.

Aber vielleicht ist das jenes Maß an Unvernunft, das eine Gesellschaft braucht und daher nicht abschaffen will. (Hans Rauscher, DER STANDARD, 27.11.2014)

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