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6. Dezember 2014, 09:00

Sekunden, Minuten, Stunden, das sind Zeitspannen von höchst beliebiger Dauer. Menschen haben sie vor vielen Generationen erfunden, um an ihnen im Fluss der Zeit wie an einem Stück Treibholz Halt zu finden. Auch Wochen und Monate haben sie willkürlich gewählt, immerhin grob orientiert am Lauf des Mondes. Und doch sind in allen Kalendersystemen Schalttage und komplizierte Sonderregeln nötig, um der Abweichung beizukommen. Nur eine Zeiteinheit im Sonnenjahr folgt einer äußeren Logik: der Tag, dessen Ränder uns die Sonne am Horizont in unwiderruflicher Regelmäßigkeit anzeigt. Es ist eine naheliegende Annahme, dass sich die konstante Dauer von Mittagssonne bis Mittagssonne über die Evolution hinweg in unsere Wahrnehmung eingebrannt hat. Ein Rhythmus, festverdrahtet bis in die Tiefen des Unterbewusstseins.

Davon geht auch Michel Siffre aus, als er am 16. Juli 1962 in die Gletscherhöhle Scarasson in den südfranzösischen Alpen steigt. Der 23-jährige Geologieabsolvent will in einem zweimonatigen Versuch herausfinden, wie Geist und Körper auf völlige Isolation und die Abwesenheit externer Reize reagieren. Zum Teil treibt ihn seine eigene Neugier an. Zum Teil will er helfen, die Lebensbedingungen für die Protagonisten der großen Vision dieses Jahrzehnts auszuloten: der bemannten Raumfahrt. Erst im Jahr zuvor verließ mit dem Kosmonauten Juri Gagarin der erste Mensch die Erdatmosphäre.

Siffre scheut für sein Experiment keinen Aufwand. Eine Tonne Ausrüstung lässt er in 130 Meter Tiefe schaffen, ein Zelt, Kleidung, einen Kasettenspieler mit Bach- und Beethoven-Bändern, Bücher, wissenschaftliches Gerät und Nahrung. Eine Uhr ist nicht dabei. Er will keinen Anhaltspunkt darauf, wann draußen der Tag beginnt und wann das Dunkel der Nacht hereinbricht. Siffre will wissen, wie er den Lauf der Dinge ohne Zeitmesser oder Taktgeber erlebt. Er will essen, wenn er hungrig ist, und nicht zu Mittag. Er will schlafen, wenn er müde ist, und nicht acht Stunden, bevor ihm der Wecker einen neuen Arbeitstag ankündigt.

Ein Zeitungsartikel berichtet von Siffres bevorstehender Pionierleistung.

Der 23-Jährige weist seine Assistenten an, während der 61 Tage stets zu zweit am Eingang des Karsts zu sitzen. Über ein Feldtelefon ohne Rückkanal, seine einzige Verbindung zur Außenwelt, protokollieren sie die exakten Zeitpunkte seiner Anrufe: Siffre gibt jedes Mal durch, wann er aufsteht, isst, sich hinlegt und welche Zeitspanne er glaubt, dazwischen verbracht zu haben. Jeden Anruf schließt er mit einem psychologischen Test ab: Siffre versucht, im Tempo von einer Zahl pro Sekunde bis 120 zu zählen. Die Stoppuhr seiner Mitarbeiter zeigt nach jedem Durchlauf rund fünf Minuten an. Er verschätzt sich jeweils um den Faktor 2,5.

In seiner eigenen Wahrnehmung verliert der Höhlenforscher bald jede zeitliche Orientierung. Minuten scheinen ihm wie Stunden, und was er für ein kurzes Nickerchen nach dem Mittagessen hält, sind über acht Stunden Nachtruhe. "Nach einem oder zwei Tagen weiß man nicht mehr, was man am Tag zuvor getan hat. Alles wird schwarz. Es ist wie ein einziger endloser Tag", schreibt Siffre mit roter Tinte in sein Tagebuch.

Die Höhle ist nur zeitweise mit einer Gaskartusche beleuchtet und oft kann Siffre bei 98 Prozent Luftfeuchtigkeit und Temperaturen um den Gefrierpunkt seinen Bewusstseinszustand nicht mehr richtig einschätzen: "Ich habe immer gehofft, dass ich noch träumte, aber nach einer Weile merkte ich, dass ich wach war." Das Experiment zermürbt ihn, die Unterkühlung wird zum Normalzustand. "Mein Gott, warum habe ich bloß solche Ideen?", notiert Siffre. Doch er hält durch.

"Mein Gott, warum habe ich bloß solche Ideen?", schreibt Siffre mit roter Tinte in sein Tagebuch.

Außerhalb seines selbstgewählten Verlieses machen die Wachposten eine verblüffende Entdeckung. Während Siffres innere Uhr verrücktspielt, folgen seine Anrufe über das Feldtelefon einer fast minutengenauen Regelmäßigkeit. Die Zyklen erstrecken sich aber nicht über 24 Stunden wie bei einem mittleren Sonnentag, sondern über exakt 24 Stunden und 30 Minuten.

foto: afp / picturedesk.com
Michel Siffre wird aus seinem freiwilligen Verlies geholt. Eine dunkle Brille schützt ihn vor dem Sonnenlicht, das er zwei Monate nicht gesehen hat.

Siffre selbst versucht, bei Verstand zu bleiben und sich mit dem einzigen anderen Lebewesen in der Höhle anzufreunden. Doch die Spinne stirbt, als er ihr von seinen Konserven zu fressen gibt. Am 14. September lassen Siffres Assistenten die Strickleiter in die Höhle, ketten ihn an ein Geschirr und holen den ausgemergelten Abenteurer nach oben. Er glaubt an einen Irrtum. Sein letzter Tagebucheintrag ist mit 20. August datiert. Siffre fehlen 25 Tage. Er nahm das Fortschreiten der Zeit viel langsamer wahr.

Spätere Versuche in Höhlen und Labors sollten stets dasselbe Ergebnis liefern: Ohne Anhaltspunkt auf die Erdrotation und die daraus abgeleiteten gesellschaftlichen Übereinkünfte weicht der innere Rhythmus bei fast allen Menschen von den erwarteten 24 Stunden ab. Bei einer Minderheit dauert er kürzer, bei den meisten Menschen aber zwischen 24,5 und 26 Stunden. Letztere würden schon nach sechs Tagen ohne Hinweis auf das Sonnenlicht der äußeren Zeit zwölf Stunden hinterherhinken und das Abendessen am frühen Morgen erwarten. Um das zu verhindern und in den vorgegebenen Rhythmus zurückzufinden, eicht sich unser Körper automatisch zwei Mal täglich, einmal morgens, einmal abends.

In einigen Fällen beobachteten Wissenschafter auch Zyklen von der doppelten Länge eines Sonnentages. Doch selbst wenn sie 36 Stunden wach und 12 bis 14 Stunden schlafend verbringen, können die Probanden meist keinen Unterschied zu einem "normal" langen Tag fühlen.

foto: patrick durand/sygma/corbis
Michel Siffre im Alter von 60 Jahren: Im November 1999 verbrachte er noch einmal zweieinhalb Monate in einer Höhle, diesmal in der Grotte von Clamouse.

Auch Michel Siffre, der heute in Nizza lebt, widmete seine Aufmerksamkeit weiterhin der praktischen Erforschung der menschlichen Zeitwahrnehmung und unserer verborgenen inneren Uhr. 1972 verbrachte er bei einem ähnlichen Experiment 205 Tage in einer texanischen Höhle. Diesmal fehlten ihm ganze zwei Monate. Zum Jahreswechsel von 1999 auf 2000 harrte der dann 60-Jährige in der Höhle von Clamouse in Südfrankreich noch einmal 76 Tage aus, um zu erkunden, wie sich das Zeitempfinden auf seinen gealterten Körper auswirkt. Erneut inspirierte ihn die Raumfahrt. Im Jahr davor war John Glenn als bis heute ältester Mensch ins All vorgestoßen.

Die große Erkenntnis des Michel Siffre liegt darin, dass wir eine biologische Uhr in uns tragen, die unabhängig von Außenreizen in einem individuellen Rhythmus präzise arbeitet und so unsere Körperfunktionen steuert. Er begründete damit das wissenschaftliche Feld der Chronobiologie. Noch faszinierender ist aber die psychologische Folgerung: Dass diese innere Uhr für unser subjektives Zeitempfinden völlig belanglos ist. (Michael Matzenberger, 6.12.2014)

youtube/grotte de clamouse