Blinder Hundertfüßer kennt keinen Biorhythmus

30. November 2014, 20:33
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Forscherteam mit Beteiligung aus Wien sequenzierte erstmals Erbgut von Hundertfüßer

Wien - Die Sequenzierung des Erbguts eines Hundertfüßers namens Strigamia maritima - eines blinden Untergrundbewohners, der an den Meeresküsten Schottlands lebt - hat eine kleine Überraschung zutage gebracht. Obwohl der Gliederfüßer Licht meiden kann, hat er weder Gene für Lichtsensoren noch eine innere Uhr, berichtet ein internationales Forscherteam mit Wiener Beteiligung im Fachmagazin "Plos Biology".

Eigentlich hatten die Wiener Forscher, die an der Steuerung des Tagesrhythmus durch genetische Uhren interessiert sind, an dem Projekt teilgenommen, um die Gene für sogenannte "Clock"-Gene und Lichtrezeptoren der Hundertfüßer zu untersuchen. "Doch zu unserer Überraschung haben wir festgestellt, dass sie keine besitzen", sagte Kristin Tessmar-Raible von den Max F. Perutz Laboratories (MFPL) der Universität Wien und der Medizinischen Universität Wien.

Bisher unbekannte Lichtsensibilität

Sollten sie doch eine innere Uhr besitzen, müsste sich diese völlig von jener anderer Tiere unterscheiden, betonte Michael Akam von der Stanford University. Ähnliches gilt für das Verhalten der Tiere, offensichtlich Licht zu meiden. Wenn die Strigamia-Hundertfüßer tatsächlich Licht wahrnehmen können, müssen sie es aber auf eine bisher unbekannte Art tun, so die Forscher um Studienleiter Stephen Richards vom Baylor College of Medicine in Houston, Texas (USA).

Eine weitere Besonderheit der Hundertfüßer sei, dass sie offensichtlich auf andere Weise riechen als ihre nahen Verwandten, die Insekten. Dazu dürften sie unter anderem eine große Zahl von Geschmacksrezeptoren verwenden, erklärten die Forscher. Außerdem hätten die Hundertfüßer noch mehr vom gemeinsamen Urahn als die anderen untersuchten Gliederfüßer.

Erstes entschlüsseltes Tausendfüßer-Genom

Bisher wurden aus dem Tierstamm der Gliederfüßer die Genome von Insekten wie der Fruchtfliege Drosophila melanogaster sequenziert sowie von einem Spinnentier, der Gemeinen Spinnmilbe (Tetranychus urticae), und einem Krebstier, dem Gemeinen Wasserfloh (Daphnia pulex). Aus dem Unterstamm der Tausendfüßer, zu denen Hundertfüßer gehören, war bisher noch kein komplettes Erbgut bekannt.

Hundertfüßer entstanden vor mehr als 400 Millionen Jahren. Sie waren vermutlich die ersten Gliederfüßer, die das Land eroberten. In dem Strigamia maritima-Erbgut identifizierten die Forscher 14.992 Gene, der Mensch besitzt mehr als 20.000. (APA/red, derStandard.at, 30.11.2014)

  • Keine Gene für Lichtsensoren, keine molekulare Uhr und urtümliches Genom: Der blinde Hundertfüßer Strigamia maritima überraschte die Forscher.
    foto: carlo brena/univ. of cambridge

    Keine Gene für Lichtsensoren, keine molekulare Uhr und urtümliches Genom: Der blinde Hundertfüßer Strigamia maritima überraschte die Forscher.

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