Ein Novembernachmittag im Gefängnis mit Johnny Cash

Reportage26. November 2014, 05:30
47 Postings

In der Justizanstalt Jakomini sitzen rund 500 Männer und Frauen ein. Ein Besuch in einem Grazer Gefängnis

Graz - "Das nächste Lied ist eine Gefängnisballade", sagt der Mann mit der Gitarre vor dem grünen Samtvorhang, und einige der jungen Männer in den vorderen Reihen lachen kurz. Dann greift Christian Masser wieder in die Saiten, unterstützt von Kurt Bauer an der Violine und Gerhard Steinrück am Bass, und man spielt den "Prisoner's Song", einen Countrysong aus den 1920ern, den auch Johnny Cash manchmal sang. Cash verbindet man eher mit San Quentin. Weniger mit der Justizanstalt Jakomini in Graz, wo das Trio Christian Masser & The Country Zombies vor etwa 90 männlichen und weiblichen Häftlingen spielt.

Das "Landl" von Graz

Einmal im Quartal schreibt das Gesetz eine "belehrende, künstlerische oder unterhaltende Veranstaltung" vor. Das Gefangenenhaus mit etwa 450 Insassen (weitere 50 sitzen in der Außenstelle am Paulustor) grenzt direkt an das Straflandesgericht. "Landl" nennen die Grazer das Gefängnis, das etwas kleiner ist als die Justizanstalt Karlau am Stadtrand, deshalb auch. Doch nicht nur die Größe unterscheidet die beiden Gefängnisse voneinander. In Jakomini sitzen vor allem Untersuchungshäftlinge, länger als 18 Monate dauert eine Haft hier nur in Ausnahmefällen. In den meisten Abteilungen gilt der gelockerte Strafvollzug. Die Zimmertüren sind nicht versperrt, nur nach 20 Uhr. Anders als in der Karlau gibt es auch jugendliche Insassen im Alter von 14 bis 18.

Am Gang vor der Kapelle, wo das Trio spielt, liegen Feuerzeuge, Zigarettenpapier und andere Dinge auf dem Boden: Gegenstände, die den Männern vor dem Konzert abgenommen wurden. Oben auf einer Balustrade sitzen die Frauen extra. "Das letzte Konzert war mir zu laut, da hab ich aussi gehen müssen", erzählt eine Frau um die vierzig oben, während sie den Cash-Songs lauscht, "aber das da gefallt mir."

Opernliebhaber bei Cash-Konzert

Die Männer unten sind großteils jung, viele Anfang 20, vielleicht nicht die typischen Cash-Fans, aber die Abwechslung ist willkommen. Man tratscht zwischendurch und klatscht und wippt dann wieder zur Musik. In der letzten Reihe sitzt ein älterer Herr im strahlend weißen Trainingsanzug. Er erzählt einem Wachebeamten später, dass er zwar lieber Opern habe, aber die Musiker auch wirklich gut waren.

Später geht es zurück in die Zellen. Auf den Gängen hier kann man sich leicht verirren. "Wo ist jetzt der Jakominiplatz", fragt Oberstleutnant Manfred Ulrich, Pressesprecher der Anstalt, seine Besucher gerne, um ihre Orientierung zu prüfen. Die wenigsten wissen, nach wenigen Minuten in diesem Haus, eine Antwort.

Auf den Gängen setzt man auf ein Leitsystem mit frischen Farben. Grün steht für den psychologischen Dienst, Orange für Sozialarbeiter, erklärt Anstaltsleiter Brigadier Josef Adam dem STANDARD beim Rundgang. Immer wieder passiert man bunte Drucke von Keith Haring. Dazwischen hängen Texttafeln: Gängige diskriminierende Stammtischsprüche wurden jeweils dem passenden Artikel der Menschenrechtserklärung gegenübergestellt. Eine Mahnung für alle, die hier vorbeigehen.

Pflanzen und Sofas

In der Frauenabteilung ist die Atmosphäre deutlich heimeliger - wenn man das von einem Gefängnis sagen kann. Berichte von Boulevardzeitungen, dass es Gefangene zu gut hätten, nerven hier gewaltig. "Bleiben Sie einen Tag da, dann reden wir weiter", sagt Adam darauf gerne, "die Frage ist auch, sollen sich die Leute hier bessern oder nicht." Sie sollen, ist Adam, der vor Graz in Leoben Anstaltsleiter war, überzeugt. Auf den Gängen der Frauenabteilung blühen Pflanzen und es gibt Sofas. Auch zwei Katzen gab es hier eine Zeit lang, "die sind richtig dick geworden", erzählt Ulrich. Eine wurde von einer ehemaligen Insassin mitgenommen: "Wir bekamen Fotos, es geht ihr gut."

Ja, es passieren auch hier Fehler, und zu manchen Häftlingen müsse man "knallhart" sein, auch um andere Insassen zu schützen, erzählen Ulrich und Adam, doch "die positiven Geschichten" erzähle keiner. "Manche Häftlinge weinen sogar, wenn sie gehen, weil sie vorher nie so etwas wie Familie erlebt haben", sagt Ulrich und kramt einen in Kinderschrift geschriebenen Brief hervor, den ihm ein dankbarer Ex-Häftling um die 40 geschickt hat.

Halbe Kinder in Haft

Der "schlimme Vorfall in Wien vor einigen Monaten" habe auch hier vieles verändert, erzählt Ulrich später. Gemeint ist die Vergewaltigung eines 14-Jährigen mit einem Besenstil in der Justizanstalt Josefstadt. Inwiefern verändert? "Damals hatten wir über 30 Jugendliche hier, heute elf." Richter überlegten nun zweimal, bevor sie halbe Kinder in Haft schicken.

In der Jugendabteilung blitzen am Ende des Ganges auf bunte Wände gemalte Palmen auf. Die stellvertretende Kommandantin der Abteilung, Eliane Zmugg, ist ausgebildete Traumapädagogin und Familienberaterin. Die junge Frau schickt ein paar kichernde Buben in ihre Zimmer, als sie den STANDARD empfängt. Dass unter ihnen zurzeit auch ein 16-Jähriger ist, der seinen Freund erschossen haben soll, ist schwer vorstellbar. Dann führt Zmugg einen in eine Zelle voller gepackter Kisten: Eulen und Engel aus Keramik, Eichhörnchen aus Holz. "Das haben alles die Jugendlichen gemacht", erzählt sie stolz, "das bringen wir morgen nach Wien zum Weihnachtsmarkt im Justizpalast." (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 26.11.2014)

  • Nicht San Quentin, sondern die Justizanstalt Jakomini. Nicht der echte Johnny Cash, aber ein Trio, das seine Songs für Gefangene spielte. Der Altar der Kapelle war derweil hinter dem Vorhang verborgen.
    foto: elmar gubisch

    Nicht San Quentin, sondern die Justizanstalt Jakomini. Nicht der echte Johnny Cash, aber ein Trio, das seine Songs für Gefangene spielte. Der Altar der Kapelle war derweil hinter dem Vorhang verborgen.

Share if you care.