Gesundheitsdaten: Warum die freiwillige Preisgabe allen schadet

Kommentar25. November 2014, 20:22
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Beim Generali-Vorstoß ist das Motto Selbstkontrolle statt Solidarität

Sie sind heute früh 4,2 Kilometer gejoggt: wunderbar. Haben 250 Gramm zuckerfreies Müsli mit fettarmem Joghurt verzehrt: sehr gut. Zu Mittag haben Sie allerdings das Wiener Schnitzel gewählt: oje. Das ist Ihnen schon zum zweiten Mal in dieser Woche passiert: tja. Sie wissen hoffentlich selber, warum Ihr Versicherungstarif diesen Monat nicht gesenkt werden kann. - Dass private Krankenversicherer demnächst so mit uns reden, ist wohl überzeichnet. Allzu dystopisch ist die Vorstellung aber nicht, dass der Kundenbetreuer persönlich wird, wenn es um unser Gesundheitsverhalten geht. Die nötigen Daten dafür wird er kennen. Viele von uns werden sie ihm freiwillig gegeben haben.

Vergangene Woche hat die Generali-Versicherung angekündigt, jene Kunden, die ihr Gesundheitsverhalten freiwillig per App dokumentieren, mit günstigeren Tarifen, Gutscheinen und Geschenken belohnen zu wollen. Der Konzern betritt damit Neuland. Doch es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis der erste Versicherer die freiwillig erhobenen Kundendaten mit einem Geschäftsmodell verbindet. Wer jetzt einwendet, dass man beim fröhlichen Datensammeln ja nicht mitmachen muss, irrt: Wo der gläserne Kunde die Norm ist, riskiert Nachteile, wer sich dem Datensammeln entzieht.

Wer seinen Lebensstil nicht dokumentiert, gilt als unkalkulierbares Risiko. Wer sich nicht selbst bespitzelt, erweckt den Anschein, etwas zu verbergen. Er ist verdächtig. Denn die Versicherungsmathematik wird kaum unterscheiden, ob ein Kunde ungesund lebt oder auf Datenschutz bedacht ist. Man muss damit rechnen, mit höheren Tarifen bestraft zu werden oder gar keine private Krankenversicherung abschließen zu können. Die freiwillige Selbstkontrolle ist dann der Rhythmus, bei dem man mitmuss.

Selbstkontrolle statt Solidarität

Daten sind kein neutrales Zahlungsmittel wie Geld; sie sind Güter, die durch Überwachung entstehen. Sie gewinnen durch die Verknüpfung mit anderen Daten zusätzlich an Wert. Eine gute Rechnung für den Überwacher - eine miserable Rechnung für die Bürgerin und den Bürger.

Die Idee von Versicherungen war einmal, das Risiko des Einzelnen auf viele Menschen aufzuteilen. Passieren kann schließlich jedem etwas - unabhängig vom Verhalten. Künftig dürfte es darum gehen, das Risiko für den Versicherungskonzern zu minimieren - nicht mehr das des Kunden. Versichert würde wohl nur mehr, wo kein Risiko mehr ist oder wo dieses Risiko zumindest kalkulierbar scheint. Auch bisher konnten sich chronisch Kranke oder genetisch Vorbelastete nur schwer oder sehr teuer privat versichern. Neu ist, dass die Entscheidung fallen könnte, bevor die Erkrankung da ist. Die Versicherungsmathematik schert dabei alle über einen Kamm. Sie kennt keinen Kontext.

Dabei ist Gesundheit ein komplexes Zusammenspiel aus Veranlagung, Verhältnissen und Verhalten. Nur etwa zehn Prozent unseres Erkrankungsrisiko werden durch unseren Lebensstil beeinflusst, den Rest erledigen soziale Faktoren wie Einkommen, Wohn- und Jobsituation. Was gesunde Ernährung ist, ist umstritten. Dass ein Extremsportler vermutlich gefährlicher lebt als ein Anhänger der No-Sports-Philosophie - wurscht. Hauptsache, der Versicherer bekommt unsere Daten, um Kosten zu sparen und Gewinne zu maximieren. Die Unmündigkeit kommt mit dem freundlichen Gesicht der Freiwilligkeit daher. Die Freiheit sagt zum Abschied leise "Service". (Lisa Mayr, DER STANDARD, 26.11.2014)

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