Windtner: "Da will ich mich nicht exponieren"

Interview25. November 2014, 17:30
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ÖFB-Präsident Leo Windtner über die Krise des Fußballweltverbands, die Rolle von Sepp Blatter und über ein solidarisches Europa

STANDARD: Glauben Sie, dass bei den WM-Vergaben an Russland und Katar alles mit rechten Dingen zugegangen ist?

Windtner: Wir können uns bis dato nur auf die Berichte verlassen, die von der Ethikkommission gekommen sind. Es gibt eine Reaktion von Michael Garcia, der in der Darstellung von Richter Eckert Fehler festgestellt hat und berufen möchte. Ich habe eine besondere Sorgfaltspflicht, weil ich der Berufungskommission angehöre.

STANDARD: Die Aufarbeitung des Garcia-Berichts ist bisher eine eher jämmerliche Geschichte. Wie groß ist der Schaden für den Fußball?

Windtner: Man muss mit größtmöglicher Transparenz vorgehen. Jede Geheimhaltung irgendeines Dossiers forciert die Gerüchtebörse aufs Neue, das wäre schädlich.

STANDARD: Findet die Fußball-WM 2022 tatsächlich in Katar statt?

Windtner: Ich gehe davon aus. Es haben bereits milliardenschwere Investitionen stattgefunden. Es wäre für niemanden zu stemmen, sollte man Katar diese WM ohne validen Rechtstitel wegnehmen.

STANDARD: Ist Joseph S. Blatter als Fifa-Präsident überhaupt noch tragbar? Werden Sie ihn im Mai wählen?

Windtner: Da will ich mich nicht exponieren. Im Vorfeld einer Revision und eines Fifa-Kongresses ist es nicht zielführend, mit einem Stimmverhalten auf den Plan zu treten. Entscheidend ist, was die Uefa in den nächsten Wochen als gemeinsame Linie zu diesem Thema entwickelt. Wesentlich ist, dass Europa eine geschlossene Position zusammenbringt, das war bis dato nicht immer möglich. Es ist die Grundvoraussetzung, um irgendetwas bewegen zu können. Dass die Uefa in der Minderheit ist, ist aber Tatsache.

STANDARD: Sind Sie also mit Blatter happy?

Windtner: Nicht happy, aber man kann ihm viele Dinge auch nicht absprechen. Der Fußball funktioniert auf dem gesamten Planeten, sogar die kleinen Länder sind infrastrukturell ganz gut aufgestellt, es gibt ein gemeinsames Verständnis für den Fußball. Die notwendigen Ausschlüsse von Fifa-Exekutivmitgliedern wie Bin Hammam oder Jack Warner werfen aber natürlich auch ein schiefes Licht auf den Verband. Nicht die Ausschlüsse, sondern dass es dazu überhaupt gekommen ist. Es läuft einiges nicht rund.

STANDARD: Die Deutschen gehen auf Konfrontationskurs. Präsident Niersbach denkt laut darüber nach, im letzten Moment einen Gegenkandidaten aus dem Hut zu zaubern, zumal Jérôme Champagne chancenlos sein dürfte. Ligachef Rauball forderte Blatter zum Verzicht auf eine fünfte Amtszeit auf. Bewegt sich etwas?

Windtner: Wir haben in der nächsten Woche in Frankfurt ein Meeting, ich will keine großen Ankündigungen machen, das ist für eine kleine Nation wie Österreich nicht ratsam. Deutschland als Weltmeister und größter Sportverband überhaupt hat das Recht, vorauszugehen. Ich halte das für legitim.

STANDARD: Hat die Uefa Fehler gemacht? Warum konnte Michel Platini nicht überzeugt werden zu kandidieren?

Windtner: Das war eine persönliche Entscheidung Platinis unter Abschätzung der realistischen Chancen.

STANDARD: Mit Verlaub, aber ist die Fifa nicht doch ein bisserl ein korrupter Sauhaufen?

Windtner: Ich würde mich gewisser Verbalinjurien nicht bedienen. Wesentlich ist die saubere Aufarbeitung der Vergabefälle. Gelingt das nicht, ist die Reputation der Fifa nicht so leicht wiederherzustellen.

STANDARD: Besteht die Gefahr, dass Großveranstaltungen künftig nur mehr in autoritär geführten Staaten ausgetragen werden? Für die Winterspiele 2018 bewerben sich Kasachstan mit Almaty und China mit Peking.

Windtner: Da muss man aufpassen. Es muss nachdenklich stimmen, wenn in München die Bevölkerung in einem Handstreich die Bewerbung vom Tisch fegt.

STANDARD: Zum Erfreulichen: Das Nationalteam hat eine tolle Saison gespielt, auch die Nachwuchsteams und die Damen lieferten gute Ergebnisse. Wäre es nicht fast schon ein Kunststück, sich nicht für die EM 2016 in Frankreich zu qualifizieren?

Windtner: Das halte ich für total überzogen. Auf den ersten Blick mag es so scheinen, aber wir haben erst vier Spiele gespielt. Die vermeintlich Kleinen können den Großen ein Bein stellen. Wird sind auf einem wirklich guten Weg mit einer absolut hohen Wahrscheinlichkeit, es zu schaffen. Wir werden nicht so stupide sein und jetzt schon jubeln, bevor wir im Ziel sind. Wir können uns über ein tolles Zwischenergebnis freuen. Ich bin seit 2009 Präsident, und es steht außer Diskussion, dass es das beste Jahr bisher war. Alle Auswahlen zusammengezählt wurden 75 Prozent der Partien nicht verloren, 55 Prozent gewonnen. Das Nationalteam hat Stabilität und Charisma entwickelt. Es läuft auch wirtschaftlich gut. Wir sind nicht reich, aber solide aufgestellt.

STANDARD: Sollte Teamchef Marcel Koller auf Sie zukommen und einen Zehnjahresvertrag wollen, würden Sie den Wunsch erfüllen?

Windtner: Ich gehe nicht davon aus, dass er kommt. Zehnjahresverträge sind in dieser Branche unüblich. Aber über Langfristigkeit würde ich reden.

STANDARD: Auffallend ist die Schere zwischen Nationalteam und Liga. Das eine boomt, das andere darbt. Die Zuschauerzahlen in der Meisterschaft und im Cup sind niedrig, der Alltag interessiert nur wenige. Wie kann man entgegensteuern?

Windtner: Wir kämpfen wie andere kleine Länder mit dem Problem, dass Toptalente ins Ausland wechseln. Und auch für lediglich solide Kicker ist die zweite deutsche Liga interessanter. Die Abgänge machen sich bemerkbar. Geld für gute Legionäre ist nicht vorhanden. Da setzt sich eine gewisse Spirale nach unten in Gang. Man denkt in der Liga nach, welche Schritte man setzen könnte. Es nur hinzunehmen, ist zu wenig.

STANDARD: Für Erregung, speziell im Skiverband, sorgte die Tatsache, dass David Alaba zum zweiten Mal Sportler des Jahres geworden ist. Der Neid ist ein Hund, oder?

Windtner: Ich denke, wir haben auf der Welt andere Sorgen. Es war ja nur eine Stimme, das ist wie ein Hundertstel. Es gibt im Sport immer einen Ersten und einen Zweiten. Ich hätte mit Marcel Hirscher als Sieger leben können, freue mich aber sehr über Alaba. (Christian Hackl, DER STANDARD, 26.11.2014)

Leo Windtner (64) ist Generaldirektor der Energie AG Oberösterreich und seit 2009 Präsident des ÖFB.

  • Leo Windtner: "Es läuft auch wirtschaftlich gut. Wir sind nicht reich, aber solide aufgestellt."
    foto: apa/neubauer

    Leo Windtner: "Es läuft auch wirtschaftlich gut. Wir sind nicht reich, aber solide aufgestellt."

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