Fischotter, ein Raubtier mit hohen Sympathiewerten

30. November 2014, 12:00
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Lange Zeit wusste man nicht genau, wie viele Tiere sich in Österreichs Gewässern tummeln - Eine Studie der Universität für Bodenkultur will das nun ändern

Wien - Für die meisten Menschen sind Fischotter klassische Sympathieträger: hübsch, wendig und verspielt. Bei Fischern und Teichwirten, denen sie die Ware wegfangen, lösen sie deutlich weniger Begeisterung aus: Immer wieder fordern sie, die Fischotterbestände zu reduzieren. Dabei weiß man derzeit gar nicht so genau, wie viele Fischotter eigentlich in heimischen Gewässern leben. Der Bestand wurde zuletzt im Jahr 2012 auf 1000 bis 1300 Tiere geschätzt. Eine aktuelle Studie soll nun für eine Auswahl von Fließgewässern in Ostösterreich klären, wie viele Fischotter sich hier tummeln. Die erhobenen Daten sollen Auskunft geben, wie viele Tiere österreichweit leben.

Die Biologin Marcia Sittenthaler vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft der Universität für Bodenkultur in Wien beschäftigt sich seit vier Jahren intensiv mit den Fischotterbeständen des Waldviertels. In Kooperation mit den Zentralen Forschungslaboratorien des Naturhistorischen Museums Wien will sie nun die Zahl der Fischotter mittels genetischer Methoden erheben. Schon jetzt weiß man, dass es die meisten Tiere in Niederösterreich gibt, der typische Fischotter ist ein Ostösterreicher.

Die Tiere werden inklusive Schwanz bis zu 1,30 Meter lang und wiegen bis zu zwölf Kilo. Ihrem putzigen Aussehen zum Trotz gehören sie zu den marderartigen Raubtieren. Sie ernähren sich primär von Fischen, verschmähen aber auch Frösche, Krebse, Kleinsäuger und Wasservögel nicht. Ihr idealer Lebensraum sind saubere Gewässer, wo sie genügend Nahrung und Möglichkeiten zum Verstecken finden. Das Revier eines Männchen erstreckt sich über rund 20 Kilometer entlang eines Ufers. Die Weibchen leben etwas kleinräumiger auf rund zehn Kilometern.

Keine fixe Paarungszeit

In Mitteleuropa paaren sich Fischotter nicht zu fixen Zeiten, daher verschieben sich auch die Wurfzeiten: Die Tiere können das ganze Jahr über Nachwuchs bekommen. Die Weibchen werfen pro Jahr zwei bis drei Junge, die bei der Geburt rund 100 Gramm wiegen. Sie bleiben das gesamte erste Lebensjahr bei der Mutter, die ihnen das Jagen beibringt. Erst dann suchen sie sich eigene Reviere.

Aus Sicht des Naturschutzes ist der Fischotter ein Erfolgsmodell: Während es in den 80er-Jahren nur noch klägliche Restbestände entlang des Eisernen Vorhanges gab, bewirkten strenge Schutzmaßnahmen und Verbesserungen an vielen Gewässern, dass er vor rund 30 Jahren nach Ostösterreich zurückkehrte. Der Trend hält an. Bis in den Westen des Landes, wo er ursprünglich auch verbreitet war, hat er es aber noch nicht wieder geschafft. Derzeit liegen seine Verbreitungsschwerpunkte in Niederösterreich, Oberösterreich und der Steiermark, mit einigem Abstand gefolgt vom Burgenland.

Der Fischotter gehört zu den Arten, die im Rahmen der sogenannten Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie speziellen Schutz genießen. Über seine Entwicklung in Österreich wird regelmäßig an die EU berichtet. Allerdings sind Bestandsschätzungen beim Fischotter immer nur das: Schätzungen. Als sehr scheuer und vorwiegend nachtaktiver Einzelgänger hinterlässt er vor allem Kot und Tatzenspuren - bei Schneelage. Die Populationsgröße des Fischotters in einem Areal wurde bisher meist auf Basis dieser "Hinterlassenschaften" geschätzt. Die sind jedoch nur bedingt aussagekräftig.

Ein Vorteil für die Forschung ist, dass der Fischotter seinen Kot gerne prominent auf Steinen oder unter Brücken deponiert. Für das aktuelle Projekt haben Marcia Sittenthaler und ihre Kollegen an genau solchen Orten Kontrollstellen errichtet, und zwar an den niederösterreichischen Flüssen Piesting, Feistritz, Große Ysper, Obere Ybbs und Loichbach. Sittenthaler sammelt dort regelmäßig Otterkot, aus dem dann im Labor DNA extrahiert wird. Mit deren Hilfe kann jedes Tier individuell bestimmt werden. Das gibt unter anderem Aufschluss darüber, ob eine große Kotmenge - wie bisher angenommen - tatsächlich von mehreren Ottern stammt oder nur von einem einzigen, besonders absatzfreudigen Exemplar.

Überall präsentes Tier

Finanziert wird das Otterprojekt vom Niederösterreichischen Landesfischereiverband, der auch die Test-Gewässerabschnitte ausgewählt hat. "Viele Fischer haben das Gefühl, der Otter ist bereits allseits präsent", sagt Rosemarie Parz-Gollner, die auch am Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft arbeitet und sich seit Jahren intensiv mit "Konfliktarten" wie dem Fischotter befasst. "Der Fischereiverband ist sehr an der Klärung der Frage interessiert, wie viele Otter es in diesen Gebieten wirklich gibt."

Das ist das zentrale, aber nicht das einzige Ziel des Projektes. Der "genetische Fingerabdruck", der aus dem Kot der Fischotter in den Versuchsgebieten ermittelt wird, birgt weit mehr Informationen: So sollen die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen den ansässigen Tieren ebenso geklärt werden wie ihre Reviergröße und räumliche Verteilung. Die Forscherinnen und Forscher interessiert auch die Frage, wie sich Otter verhalten, die eigentlich an Fischteichen leben. Diese Teiche werden im Herbst abgefischt und sind den Winter über leer. Es liegt nahe, dass die davon betroffenen Otter dann an Fließgewässer umsiedeln. Das sind allerdings Vermutungen, Genaues weiß man nicht.

Inwieweit beeinflusst das Vorhandensein von Ottern an einem Gewässer dessen Fischbestände? Das ist die Frage, die über all diesen Untersuchungen steht. Die Fischer machen den Otter vor allem dafür verantwortlich, dass jedes Jahr große Mengen jener Fische verschwinden, die eigens in die Flüsse entlassen werden (sogenannte "Besatzfische"). Selbst Naturschützer bestreiten nicht, dass Fischotter Besatzfische fressen. Denn die sind aufgrund ihrer mangelnden Anpassungsfähigkeit an Freilandbedingungen in Gewässern eine leichte Beute.

Allerdings können Besatzfische auch durch andere Umwelteinflüsse verlorengehen. Wie viel Verantwortung die Otter an der Fischdezimierung tragen, ist noch nicht geklärt. Vom laufenden Projekt erhofft man sich auch Grundlagen zur Beantwortung dieser Frage. Letztendlich wird es auch um ein grundsätzliches Problem gehen: Sieht man den Fischotter, der zunehmend seinen Lebensraum zurückerobert, als reinen Störenfried? Oder kann er als Bestandteil eines ausgewogenen Ökosystems in heimischen Gewässern akzeptiert werden? (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 26.11.2014)

  • Die Frage, wie viele Fischotter es in Österreich gibt, blieb lange ungeklärt. Bei der Zählung hilft, dass die Tiere ihren Kot gerne an prominenten Plätzen hinterlassen.
    foto: rolf haid/dpa

    Die Frage, wie viele Fischotter es in Österreich gibt, blieb lange ungeklärt. Bei der Zählung hilft, dass die Tiere ihren Kot gerne an prominenten Plätzen hinterlassen.

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