Schwere Krawalle nach Verzicht auf Anklage gegen US-Polizisten

Reportage25. November 2014, 19:29
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Brennende Häuser, demolierte Autos, zerstörte Geschäfte: Der Verzicht auf die Anklage gegen einen Todesschützen der Polizei hat in Ferguson schwere Unruhen ausgelöst

Ferguson – Schwarzer Rauch zieht über die South Florissant Road. In der Mitte der Straße brennt ein Auto, eigentlich bloß noch ein Torso. Nur noch die Umrisse des Rahmens sind zu erkennen von dem Streifenwagen der Polizei, den wütende Protestler in Brand gesteckt haben. Und während er traurig auf die Flammen blickt, die aus der Ferne wirken, als hätte jemand eine Feuerschale aufgestellt, um in der eiskalten Nacht Wärme zu spenden, muss sich Michael Robinson eingestehen, dass er gescheitert ist mit seiner Friedensmission.

Robinson, Pfarrer einer afroamerikanischen Kirche, hatte sich extra ein orangefarbenes T-Shirt übergestreift. Grelles Orange, es sollte weithin sichtbar sein. "Clergy United" steht auf dem Stoff: Geistliche aus dem Ballungsraum St. Louis im US-Bundesstaat Missouri haben sich zusammengeschlossen in dem Versuch, das drohende Chaos zu bannen. Er wolle dafür sorgen, dass sich Polizisten und Demonstranten an Absprachen halten, hatte der Pastor erklärt, als noch Ruhe herrschte:eine Flaschen, keine Steine, keine Brandbomben – auf der anderen Seite Zurückhaltung, keine Handschellen, kein Tränengas.

foto: ap/noah berger

Jetzt, abends nach zehn, bleibt Robinson nichts anderes übrig, als kopfschüttelnd zuzuschauen, wie die Lage an der South Florissant Road eskaliert. "Auf den Bürgersteig! Treten Sie auf den Bürgersteig!", kommandieren behelmte Polizisten, die Gesichter mit Plastikschilden geschützt. "Wer diesem Befehl nicht Folge leistet, wird verhaftet." Der Pfarrer zerrt am Ärmel eines Teenagers, er rudert mit den Armen, aus Leibeskräften ruft er, dass man zurückweichen soll. Vergebens. Die Polizisten schieben und schubsen. Ein Wort ergibt das andere. Bald ist die Kreuzung vor Marley’s Bar & Grill erfüllt von Schreiduellen. Die Weihnachtsreklame, die in der Ferne blinkt, quer über die Straße gespannt, wirkt merkwürdig deplatziert – Seasons Greetings, Grüße zum Fest. Zum Glück treibt ein böiger Wind die Tränengasschwaden bald wieder weg.

foto: reuters/jim young

Brianna, eine junge Frau, die ihren Familiennamen nicht veröffentlicht sehen will, hat sich einen olivgrünen Schal hoch ins Gesicht gezogen, sodass er Mund und Nase bedeckt. An den Minusgraden allein liegt es nicht, eher daran, dass Brianna nicht erkannt werden möchte. "Ich bin hier, um dem Land zu zeigen, dass es nicht okay ist, wenn unsere Leute getötet werden und dann nichts geschieht", sagt sie. Wer einen Menschen erschieße, habe sich vor einem Richter zu verantworten, wenigstens dies. "Das hier ist inakzeptabel. Also verhalten auch wir uns inakzeptabel."

Die Ladenbesitzer, deren Geschäfte in Flammen aufgehen, sollten ihren Frust an der Polizei auslassen, nicht an den Demonstranten. Während Brianna vor Marley’s Kneipe steht wie eine Säule, eisern entschlossen, kann man Carmen Sherman nur im Gehen interviewen. Bloß keine Verhaftung! Festnahmen kann sich eine sechsfache Mutter nicht leisten. Sobald sich Beamte nähern, meist geschieht dies in geschlossener Phalanx, an die zwanzig Mann auf einmal, huscht sie davon. Darren Wilson, sagt Carmen Sherman, hätte einen Prozess kriegen müssen, ein öffentliches Verfahren "vor den Augen Amerikas", nur das hätte die Wogen geglättet.

Keine Anklage gegen Darren Wilson

Eine Grand Jury, neun weiße, drei schwarze Geschworene, hat nach 25 geheimen Sitzungen anders entschieden. Keine Anklage. Robert McCulloch, der zuständige Staatsanwalt, hatte vom Mittag bis zum Abend gewartet, ehe er es verkündete – warum so lange, kann keiner überzeugend erklären. Wilson, der weiße Polizist, der am 9. August den schwarzen Teenager Michael Brown erschoss, bedankt sich kurz darauf bei seinen Anhängern. Die Geste könnte zusätzlich Öl ins Feuer gießen, wer weiß das im Moment schon genau.

Jedenfalls hat ihn die Jury in allen Punkten entlastet, und McCulloch, der Sohn eines Polizisten, zeichnet die Skizze eines Ordnungshüters, der in akuter Notwehr handelte. Demnach heftete sich Wilson in seinem Streifenwagen an Browns Fersen, nachdem der in einem Laden Zigarren gestohlen hatte, nicht nur, weil der 18-Jährige mitten auf der Straße lief, wie es anfangs hieß.

foto: ap/anna erickson
Milch gegen Tränengas.

Als er die Tür seines Autos zu öffnen versucht, stemmt sich der Hüne von außen dagegen, während er durchs offene Fenster auf Wilson eindrischt. Als Brown nach Wilsons Pistole greift, gelingt es dem Polizisten, sie ihm zu entwinden. Noch im Auto schießt er zweimal. Brown läuft davon, Wilson setzt ihm nach, fordert ihn auf, sich auf den Boden zu legen. Stattdessen dreht sich der Teenager um und rennt auf ihn zu. Er habe noch mehrmals gefeuert, bis Brown zu Boden stürzte, gibt Wilson am Tag nach der Tat zu Protokoll. McCulloch wiederholt es in allen Details.

Als der Staatsanwalt fertig ist, steht Lesley McSpadden vorm Polizeirevier an der South Florissant Road und lässt ihren Emotionen freien Lauf, so sehr sie sich bis dahin um Selbstbeherrschung bemühte. "Das ist falsch!", protestiert die Mutter Mike Browns. "Ihr wisst alle, dass es falsch ist!" Ein Anwalt verliest eine Erklärung der Familie des toten Jungen: Man sei zutiefst enttäuscht, dass der "Killer" für seine Tat nicht geradestehen müsse, gleichwohl bitte man darum, den Ärger darüber in Bahnen zu lenken, die einen Wandel zum Guten bewirken. Es sind Worte, die ohne ein Echo verhallen, zumindest in dieser Nacht.

Kaputte Schaufensterscheiben

An der South Florissant gehen als Erstes Schaufensterscheiben zu Bruch, das Pizzarestaurant Little Caesar’s wird geplündert und abgefackelt, auch vom St. Louis Fish Chicken and Grill nebenan bleiben nur verkohlte Reste. Noch schlimmer trifft es die West Florissant Avenue, rund eine Meile entfernt, bereits im Sommer der Schauplatz wochenlanger Proteste. Von Sam’s Meat Market sind am Morgen nur noch rauchende Trümmer übrig, nicht viel besser ergeht es Red’s Barbecue, einem rundum mit Sperrholzplatten verrammeltem Grillimbiss, auf dessen trauriger Fassade eine trotzige Botschaft stand: "We are open."

foto: ap/anna erickson

Die Feuerwehren rücken erst nach Mitternacht aus; vorher ist es zu riskant, da Schüsse gemeldet werden. Am späten Abend wird der Flughafen St. Louis für ein paar Stunden gesperrt. Die Einflugschneise führt knapp an Ferguson vorbei, und solange dort geschossen wird, heißt es, ist es zu gefährlich für Landeanflüge. (Frank Herrmann aus Ferguson, derStandard.at, 25.11.2014)


Wissen: Wer über die Anklage bestimmt

Die Grand Jury ist eine Vorermittlungsinstanz, die in rund der Hälfte aller US-Bundesstaaten bei größeren und kontroversen Fällen eingesetzt wird. Sie entscheidet, ob ein Delikt angeklagt wird oder ob die Beweislage zu dünn ist. In einer Grand Jury sitzen zwölf bis 23 Personen aus der Bevölkerung – ähnlich wie bei Geschworenen in Österreich – dem Zufall überlassen. Staatsanwälte können Juroren aber ablehnen und neue auswählen lassen. Die Staatsanwaltschaft muss der Jury auch die Beweise liefern, die eine Anklage rechtfertigen. Dazu zählen auch Zeugen, denen bei Aussageverweigerung Beugehaft droht. Beschuldigte werden in der Regel nicht einvernommen. Laut "German American Law Journal" darf ein Grand-Jury-Verfahren (nicht öffentlich) höchstens 18 Monate dauern.

Entscheidet die Mehrheit der Jurymitglieder gegen eine Anklage, kann die Staatsanwaltschaft eine neue Grand Jury beantragen. Was aber eher selten der Fall ist.

Petit Jury werden in den USA die zwölf Geschworenen genannt, die im Strafprozess über Schuld und Unschuld urteilen. Wie aus Sydney Lumets Film "12 Angry Men" bekannt, muss ein Schuldspruch hier einstimmig erfolgen. (simo)


Chronologie: Polizeigewalt gegen Schwarze

Polizeigewalt gegen unbewaffnete Schwarze löst in den USA immer wieder Massenproteste aus:

März 1991 Vier Highway-Cops schlagen nach einer Verfolgungsjagd Rodney King zusammen. Ein Amateurvideo davon geht um die Welt. Der Freispruch der Männer führt in Los Angeles zu Unruhen mit dutzenden Toten. In Revisionsverfahren erhalten zwei Beamte je 30 Monate Haft.

April 2001 Krawalle in Cincinnati, nachdem die Polizei einen unbewaffneten 19-Jährigen tötet, der vor einer Kontrolle geflüchtet war. Der Polizist wird freigesprochen.

November 2006 Ein unbewaffneter Schwarzer stirbt im Kugelhagel der New Yorker Polizei. Er hatte mit dem Auto einen Funkwagen gerammt. Im April 2008 werden drei Polizisten freigesprochen.

Juli 2010 Nach mildem Urteil (zwei Jahre Haft) gegen einen Ex-Polizisten kommt es in Oakland zu Krawallen. Er hatte einen unbewaffneten Schwarzen erschossen.

Februar 2012 Der 17-jährige Trayvon Martin wird in Florida vom Nachbarschaftswächter George Zimmerman erschossen. Der Fall löst landesweite Kontroversen über Rassismus aus, Zimmerman wird freigesprochen.

November 2014 In Cleveland wird ein Zwölfjähriger, der mit einer Spielzeugwaffe hantierte, getötet – zwei Beamte beurlaubt. (simo)


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Originaldokumente:

Sitzungsprotokolle der Grand Jury, Zeugenbefragungen und forensische Ergebnisse im Fall State of Missouri vs. Darren Wilson auf stlpublicradio.org

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