Ökonom: "Es ist nicht die Zeit für Vorsicht"

24. November 2014, 18:05
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Eine aggressivere Notenbank und mehr staatliche Ausgaben. Bei einer Konferenz in Wien kritisierten Ökonomen Europas Politik scharf

Wien - Die Oesterreichische Nationalbank hat sich einige namhafte Ökonomen zu ihrer jährlichen Konferenz geladen, bei der es um den Stand der wirtschaftlichen Integration Europas geht. Aus Höflichkeit dem Gastgeber gegenüber haben sie sich mit Kritik an der jetzigen Wirtschaftspolitik Europas jedenfalls nicht zurückgehalten. Einer der anerkanntesten Geldpolitikexperten der Branche, Lars Svensson, legt der Europäischen Zentralbank nahe, einen Gang zuzulegen. Sie solle "alles" tun, um für mehr Inflation zu sorgen. "In der Hoffnung, dass irgendetwas davon funktioniert."

Dazu gehöre es auch, riskantere Wertpapiere aufzukaufen. Der ehemalige Vizepräsident der schwedischen Zentralbank saß neben OeNB-Governeur Ewald Nowotny, als er das Thema ansprach. Nowotny hat sich im EZB-Rat laut gut informierten Kreisen gegen den Aufkauf von riskanteren Papieren aus Zypern und Griechenland ausgesprochen. Dass das japanische Pendant zur EZB, die Bank of Japan, nun einen aggressiveren Kurs einschlägt, begrüßt Svensson. "Wir wissen nicht, ob das Erfolg hat. Jetzt ist aber nicht die Zeit für Vorsicht, sondern für Maßnahmen." Die potenziellen Vorteile seien viel größer als die potenziellen Kosten. Auch eine höhere Inflationsrate könnte Europa dabei helfen, den Berg an Schulden, den viele Länder mit sich tragen, abzubauen.

Kritische Kommissionsstudie

Einen Vortrag bei der Konferenz hielt auch der Leiter der Abteilung für ökonomische Analysen der EU-Kommission, Jan in't Veld. Er stellte eine Arbeit vor, die im Vorjahr kurz für Furore sorgte. Weniger wegen ihres Inhalts, sondern weil die kritische Studie kurz nach Veröffentlichung wieder von der Website der EU-Kommission verschwand.

In der Studie schreibt Veld, dass der deutsche Staat durch seine Kürzungen den Krisenländern das Leben schwerer macht. So direkt sagte das Veld am Montag nicht, doch Ergebnisse eines von ihm entwickelten Modells sprechen für sich: Wenn überschuldete Haushalte sparen - das tun sie in Europa - und die Staaten gleichzeitig ihre Ausgaben reduzieren - auch das tun sie - dann sind die negativen Effekte auf die Wirtschaftsleistung und die Arbeitslosigkeit viel stärker. Die Kommission tritt als Teil der Troika seit Jahren für Austerität ein. Auch Ländern mit nicht so hohen Staatsschulden legt sie Einsparungen nahe, was ihr auch schon vom Internationalen Währungsfonds Kritik einbrachte.

Mit Kritik an der EU spart auch Richard Koo nicht. Der Chefökonom des Nomura Research Institute plädiert dafür, den Maastricht-Vertrag mit einer Ausnahme zu ergänzen. Der Taiwanese hat den Begriff der "Bilanzrezession" geprägt: Wenn Unternehmen und Haushalte am Höhepunkt einer Krise stark verschuldet sind, kommt die Wirtschaft deutlich langsamer in Fahrt als sonst. Jetzt stecke die EU in so einer Bilanzrezession, sagt Koo. Deshalb sollten die Staaten nicht kürzen, sondern mehr ausgeben.

Der Euro sei eine der größten Errungenschaften der Menschheit, ihn durch kleine Änderungen zu retten, sei den Versuch wert, so Koo. Dann brauche es weder den deutschen Steuerzahler noch Wertpapierkäufe der EZB.

Investitionspaket

Als Reaktion auf die nicht erst bei der gestrigen Konferenz aufgekommene Kritik wird Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker am Mittwoch ein Offensivpaket präsentieren. Zum geplanten Volumen von 315 Mrd. Euro dürften aber nur bescheidene Beiträge aus dem EU-Budget kommen: 21 Milliarden sollen aus diversen bestehenden Programmen zusammengekratzt werden, berichtet die Financial Times. Davon stammen wiederum fünf Mrd. Euro von der Europäischen Investitionsbank in Form von Haftungen. (sat, as, DER STANDARD, 25.11.2014)

  • Nicht nur auf der Straße ist die Kritik an der europäischen Wirtschaftspolitik groß. Auch unter Ökonomen ist die Politik der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten alles andere als unumstritten. Der Ökonom Richard Koo hält Austerität in Europa etwa für einen Irrweg.
    foto: reuters

    Nicht nur auf der Straße ist die Kritik an der europäischen Wirtschaftspolitik groß. Auch unter Ökonomen ist die Politik der EU-Kommission und der Mitgliedsstaaten alles andere als unumstritten. Der Ökonom Richard Koo hält Austerität in Europa etwa für einen Irrweg.

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