Gesellschaftsanalyse und Kehlkopfbeschau

24. November 2014, 17:18
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Der Dramatiker und seine Familie: Jutta Jacobis "Die Schnitzlers" rekapituliert ein Stück Wien

Wien - Die Ankunft von Arthur Schnitzlers Vater in der Kaiserstadt Wien war denkbar unglamourös. Ein einfacher Leiterwagen diente dem Sohn eines jüdischen Tischlers 1858 als Transportmittel. Johann Schnitzler stammte aus dem ungarischen Nagykanisza. Jutta Jacobi, Hamburger Autorin der Familienchronik Die Schnitzlers, hat der Kleinstadt mit dem unaussprechlichen Namen einen Besuch abgestattet.

Jacobis Forschungen haben interessante Früchte gezeitigt. Nagykanisza besaß zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine äußerst engagierte reformjüdische Gemeinde. Das geistige Klima in den Weiten der Puszta war obendrein günstig für das Projekt der Moderne. Ebenso köchelte die Erregung des Aufstandes von 1848/49 spürbar nach. Johann, dem Vater des späteren Dramatikers Arthur Schnitzler, wurde von seinen Lehrern früh bescheinigt, ein "ungarischer Shakespeare" zu sein.

Als der kleine Arthur 1862 in Wien das Licht der Welt erblickte, trieben seinen ehrgeizigen Erzeuger bereits andere Pläne um. Die Vita des Mediziners Johann Schnitzler gehört zu den großen Erfolgsgeschichten der Gründerzeit. Der "Zugereiste" wird zum stimmkräftigen, von vielen Neidern scheel beäugten Exponenten der Wiener medizinischen Schule. Papa Schnitzlers Domäne ist die Erforschung des menschlichen Kehlkopfs. Er selbst wird zum Mitbegründer der "Allgemeinen Wiener Poliklinik". Als Medizinjournalist setzt er sich mit aller Vehemenz gegen Vorwürfe der Selbstbereicherung zur Wehr.

Johann Schnitzlers äußerlich glanzvolle Karriere enthält schon den Vorgeschmack kommenden Unheils. Das jüdische Großbürgertum prägt die Modernisierung Wiens. Zugleich empfinden sich viele seiner wichtigsten Vertreter als assimiliert oder konfessionslos. Der Liberalismus des späten 19. Jahrhunderts räumt auch "ärmeren" Kindern des Vielvölkerstaates beste Karrierechancen ein. Immer vernehmlicher gellt währenddessen das Geschrei der Antisemiten in den Ohren. Man kann nicht sagen, dass Arthur, der die Literatur der Medizin schließlich vorzog, für das heraufziehende Unheil kein Organ besessen hätte.

Die Wechselfälle im Familienleben der Schnitzlers sind somit mehr als bloß exemplarisch. Wie Jutta Jacobi veranschaulicht, ist mit der Zuerkennung der allgemeinen Bürgerrechte der Boden für ein produktives jüdisches Leben in Wien bereitet. Misstöne und Repressionen nehmen dabei in erschreckendem Ausmaß zu.

Um den dichterischen Nachlass Arthur Schnitzlers (gestorben 1931) vor dem Zugriff der Nazis zu retten, müssen die Witwe und Sohn Heinrich Hilfe von außen in Anspruch nehmen. Die Familie emigriert in die USA. Heinrich (1902-1982) bringt die Seinen als Regisseur mühsam durch. Es wird durch Jacobis farbige Chronik erahnbar, welche Opfer der talentierte Filius in der Fremde bringt.

Heinrich Schnitzler - er kehrte 1959 heim nach Wien - blieb für den Rest seines Lebens auf das väterliche Werk konzentriert. Vergessen war, dass er in Kalifornien mit Strawinski gearbeitet hatte, mit dem zu Unrecht vergessenen US-Zwölfton-Genie Roger Sessions. Erst die Enkelgeneration hat mit den unleidlichen, gelegentlich monströsen Seiten Wiens ihren Frieden gemacht. Violinist Michael Schnitzler, jüngster Konzertmeister der Wiener Symphoniker aller Zeiten, rettete mit einer Sammelaktion den Regenwald in Costa Rica. Sage einer, die Wiener Spender besäßen kein gutes Herz. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 25.11.2014)

Jutta Jacobi, "Die Schnitzlers. Eine Familiengeschichte". € 24,90 / 300 Seiten, Residenz-Verlag, St. Pölten 2014

  • Großvater Arthur Schnitzler: kommendes Unheil im Blick.
    foto: dpa

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  • Michael Schnitzler: Freundschaftspflege in Costa Rica.
    foto: regenwald der österreicher

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