Prozess um Knochenbrüche: Samariter oder Schläger

25. November 2014, 07:00
20 Postings

Ein 30-Jähriger soll sein Opfer mit Fußtritten gegen den Kopf schwer verletzt haben. Er bekennt sich trotz Belastungszeugen nur teilschuldig

Wien – "Die Gewaltanwendung war absurd und massiv", hatte ein Caritas-Mitarbeiter im "Aggressionsprotokoll" über Sebastian K. vermerkt, nachdem ein Kontrahent von ihm mit mehreren gebrochenen Schädelknochen und einer Gehirnerschütterung auf dem Boden einer Betreuungsstelle lag.

Die von Markus Berghammer vertretene Anklage gegen den 30-Jährigen lautet daher auf "absichtliche schwere Körperverletzung". Denn K. soll im Sommer 2013 das Opfer mit mehreren Fußtritten gegen den Kopf, bei denen er schwere Stiefel trug, verletzt haben.

Die Angelegenheit wird bereits zum zweiten Mal verhandelt: Im April wurde der von Andrea Weisert Verteidigte wegen "Raufhandels" verurteilt – der Staatsanwaltschaft passte das nicht, das Oberlandesgericht hob die Entscheidung tatsächlich auf.

Nur eine Ohrfeige

Auch im zweiten Anlauf bleibt K. vor Richter Stefan Romstorfer dabei: Er sei teilschuldig. Er habe dem Opfer eine Ohrfeige gegeben und vielleicht unabsichtlich einen Tritt verpasst. Das aber könne die massiven Verletzungen nicht erklären – daher müssten die anderen an dem Tumult Beteiligten daran schuld sein.

Begonnen hat alles damit, dass K. mit vier Bekannten vor ein Tageszentrum für Obdachlose dem Nikotinkonsum frönte. Drinnen hatte er sein Handy zum Aufladen angesteckt.

Als die Gruppe zurück ins Gebäude kam, war das Mobiltelefon weg. Dort, wo es sein sollte, saß ein Fremder. "Ich habe ihn gefragt, ob er es hat", beginnt K. seine Version. Der Unbekannte verneinte, der Angeklagte ging zu einem Caritas-Mitarbeiter, der die Nummer wählte, worauf es in der Hose des Fremden zu klingeln anfing.

"Ich bin zu ihm zurückgegangen, da ist er aggressiv geworden: Er hat mich beschimpft und geschubst", behauptet der Angeklagte. "Ich habe ihn mit der flachen Hand ins Gesicht und auf den Arm geschlagen, dann hat er es mir zurückgegeben."

Opfer lag auf dem Boden

Für ihn sei die Sache damit erledigt gewesen, er sei auf die Toilette gegangen. Bei seiner Rückkehr zehn Minuten später sei das Opfer auf dem Boden gelegen, umringt von den Bekannten des Angeklagten.

"Das war ein Chaos", erzählt er Romstorfer. "Was macht Ihr?", habe er die anderen noch gefragt. "Ich wollte ihm beim Aufstehen helfen, vielleicht bin ich da unabsichtlich bei ihm am Kopf angekommen", sagt er. Als er erfuhr, dass die Polizei in Anfahrt sei, habe er sich absentiert.

Der Richter will von dem Vorbestraften wissen, warum ihn mehrere Zeugen belasten und er beispielsweise in dem gleich nach dem Vorfall verfassten "Aggressionsprotokoll" identifiziert wird. Er kann es sich nur mit einer Verwechslung erklären – Militärstiefel habe er nie besessen.

Tumult um verschwundenes Handy

Die erste Zeugin bestätigt primär, dass es einen Streit um ein Handy gegeben hatte. Für die ehemalige Mitarbeiterin ist das kein Wunder: "Das Handy ist so notwendig – wenn eines verschwindet, ist immer die größte Aufregung!" Ob der Angeklagte das – nicht auffindbare – Opfer aber geschlagen habe, kann sie nicht mehr sagen.

Ein Zivildiener sagt, er habe beobachtet, wie K. dem Opfer mit der Ferse von oben gegen den Kopf getreten habe. Ob es mehrere Tritte waren, kann er aber nicht sagen, von den massiven Verletzungen habe er erst später erfahren.

Da zu Romstorfers Leidwesen der einzige Caritas-Mitarbeiter, der die Vorgänge von Anfang an verfolgt hat, unentschuldigt nicht erschienen ist, vertagt der Richter auf 15. Dezember. (Michael Möseneder, derStandard.at, 25.11.2014)

Share if you care.