Das sagt eine Schülerin zur Zentralmatura

Userkommentar27. November 2014, 10:19
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Die jetzigen achten Klassen erleben, wie sie als Versuchskaninchen missbraucht werden

In Österreich beschäftigt derzeit die Zentralmatura mit all ihren Tücken und dem zusätzlichen psychischen Stress des Vielleicht-nicht-Schaffens die Schüler und Schülerinnen. Ich habe seit der siebenten Klasse kaum mehr Privatleben. Der ganze Stress hat mich sogar zu der Einsicht gebracht, dass eine Beziehung Gift für Maturantinnen und Maturanten ist.

Für mich ist die momentane Situation schrecklich. Ständig sind x Nebenaufgaben zu erledigen. Man braucht schließlich auch noch eine Note in der achten Klasse. Das neue Maturasystem drückt uns eine Vorwissenschaftliche Arbeit (VWA) auf, die wir parallel zum Lernen, Semesterarbeitenschreiben und Psychisch-gesund-Bleiben schreiben sollen. Ich sehe die Matura nicht als etwas Unmögliches. Aber auf meinen Schultern würde weniger Last liegen, wenn die Lehrerinnen und Lehrer nicht förmlich nach Angst riechen würden.

Auch die Eltern spielen hier eine entscheidende Rolle. Denn sie wollen beziehungsweise verlangen, dass die Kinder die Matura schaffen. Langsam beginnen sie an sich selbst zu zweifeln.

Gerade in einem Lebensabschnitt wie meinem versuche ich meine Stärken zu finden. Doch durch die neuen Prüfungsmethoden finde ich bloß Schwächen meinerseits. Denn innerlich wehre ich mich dagegen, einen Text nach Kochrezept zu schreiben. Stur hinunterzuschreiben, was hier und da auffällig ist und wer diese und jene Meinung vertritt. Ich bin Individualistin, und die Zentralmatura reduziert uns junge neue Mitglieder der Gesellschaft zu Marionetten.

Generation "Nutzenkalkulierer"

Nun wird meine Generation als "Nutzenkalkulierer" bezeichnet. Wir täten nur das, was für uns von persönlichem Nutzen sei. Natürlich denke ich pragmatisch. Mir bleibt wohl oder übel nichts anderes übrig, als mich dem System zu beugen und zu tun, was mir von Nutzen ist. Dass ich beispielsweise eine Beziehung nicht in Betracht ziehe, weil dafür enorm viel Zeit und Mühe draufgeht, ist pragmatisch. Auch wenn ich dabei meine Emotionen unterdrücke.

Ich lerne auch nur das richtig, was ich als wichtig erachte, woraus ich einen Nutzen ziehen könnte. Den Rest lese ich mir durch und verschaffe mir anders eine gute Note.

Außerdem benutze ich viel zu oft das Internet, um Hausübungen in gewissen Fächern zu "schreiben". Ich habe meine Methoden entwickelt, wodurch ich nicht unter so einem enormen Stress leide, wie wenn ich überall 100 Prozent leisten müsste.

Nun frage ich mich: Wozu das Ganze? Wozu rackere ich mich tagtäglich ab? Um jemand zu werden, der ich nicht sein will? Nur an Profit und Erfolg interessiert sein – ist das meine neue Zukunftsvision? Nicht mit mir! (Karin Ernsthofer, derStandard.at, 27.11.2014)

Karin Ernsthofer (17) ist Schülerin und diesjährige Maturantin des Bundesrealgymnasiums Schuhmeierplatz in Wien-Ottakring.

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