Auf den Spuren der Putin-Versteher

Userkommentar25. November 2014, 10:29
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Zur Strahlkraft des russischen Präsidenten

Nun neigt sich das Jahr 2014 langsam, aber sicher seinem Ende zu. Das bedeutet neben Jahresrückblicken (also dem Aufwärmen von Geschichten, die eigentlich nie sonderlich interessant waren) und Neujahrsvorsätzen unter anderem, dass das "Unwort des Jahres" gekürt wird. Neben dem unrühmlichen "Negerkonglomerat" und Politsprech wie "situationselastisch" oder "gut aufgestellt" sticht zumindest für den an Weltpolitik Interessierten ein Wort besonders heraus: der "Putin-Versteher." Also jemand, der dem russischen Staatschef positiv gesonnen ist oder dessen Politik zumindest für nachvollziehbar erachtet und dies entsprechend äußert: In Foren, Hörsälen, Diskussionsveranstaltungen oder den Kommentaren unter Artikeln, bei denen gerne mal nur die Überschrift gelesen wird.

Ohne es empirisch unterlegen zu können, hat der Autor dieser Zeilen das Gefühl, dass diese Haltung durchaus keine Seltenheit ist. Grund genug, ihr nachzugehen und Erklärungen dafür zu suchen.

Der starke Mann

Ein erster, zumindest bei so einigen Putin-Verstehern möglicherweise vorliegender Grund liegt in der Sehnsucht nach dem starken Mann und – wenn auch wohl weniger häufig – der starken Frau. Hier scheint es sich um eine anthropologische Grundkonstante zu handeln. Um es mit Dostojewskis Großinquisitor zu sagen: "… der Mensch kenn[t] keine quälendere Sorge als den ausfindig zu machen, dem er so schnell wie möglich jenes kostbare Geschenk der Freiheit zurückgeben könnte, mit dem dieses unselige Geschöpf in die Welt gesetzt worden ist."

Putin verkörpert gewissermaßen den Archetypus eines starken Mannes, was durch den starken Kontrast zu so manchem Politiker aus hiesigen Breiten zusätzlich verstärkt wird. Umsonst ist man nicht seit 2000 (wenn nicht länger) faktischer Staatschef eines der wohl am schwierigsten regierbaren Länder der Welt.

Dazu passt das Alphatier-Gehabe: Schwarzer Gürtel in Judo (bei jedem anderen würde man Judo ja belächeln, was viel aussagt) mitsamt einem vor allem für sein Alter gut durchtrainierten Körper (wir alle kennen seine Oben-ohne-Bilder beim Reiten) und ein dominantes, souveränes Auftreten im Umgang mit Medien – egal, ob er in Fernsehbildern mit russischen Oligarchen umspringt wie mit frechen Lausbuben oder in Interviews mit Witz, auf Deutsch und gut vorbereitet kritische Fragen kontert (sofern diese überhaupt gestellt werden, man denke nur an das jüngste ARD-Interview).

Ein Bismarck unserer Zeit?

Auch bzw. gerade außenpolitisch hat das Jahr 2014 einmal mehr gezeigt, aus welchem Holz er geschnitzt ist. Denn unter den unzähligen Erklärungsansätzen zum russischen Vorgehen in der Ukraine – von Geisteskrankheit bis hin zum Streben, die Sowjetunion wiederzuerrichten – hört man oft die ganz simple Feststellung, dass es sich um einen kühlen, aber durchaus rationalen Machtpolitiker machiavellistischer Prägung handelt.

Putin sei also ein russischer Bismarck, der auf die NATO- und EU-Expansion der letzten Jahre reagiert und dem es darum geht, eine Einflusssphäre abzusichern – notfalls mit gewaltsamen Mitteln. Was vor allem jene verstehen, die in den internationalen Beziehungen der Theorie des Realismus anhängen; also der Ansicht, dass Staaten in Abwesenheit eines globalen Gewaltmonopolisten einander nicht trauen (können) und daher stets versuchen, ihre Macht auszuweiten oder jedenfalls zu erhalten.

Skepsis gegenüber EU und den USA

Damit geht der beobachtbare Vertrauensverlust gegenüber der europäischen und US-amerikanischen Politik einher. Viele – nicht nur Putin – sehen in den USA eine Bedrohung für den Weltfrieden, ihre Verbündeten gelten als Schoßhunde. Es sind vor allem die Unterstützung der Mudschaheddin in Afghanistan, die humanitäre Intervention gegen Serbien oder der Krieg im Irak, die sich hier negativ eingeprägt haben. Da erscheint ein Politiker, der diese Kritik teilt und den abgelehnten Eliten die Stirn bietet, gleich umso attraktiver.

Putin und der "Mainstream"

Im Einklang mit dieser allgemeinen Skepsis haben die etablierten Medien gerade in Zeiten des Web 2.0 bzw. des Internets im Allgemeinen ebenso einen schweren Stand (ob das begründet ist oder nicht, sei dahingestellt; allerdings scheint einigen die Berichterstattung rund um den Krieg im Kosovo noch schwer im Magen zu liegen; erst kürzlich sorgte die ZDF-Satiresendung "Die Anstalt" aufgrund ihrer Kritik an der Verflechtung von Journalismus und NATO für Furore).

Dass die Mehrzahl dieser gerne mit einem gewissen abschätzigen Ton als "Mainstream-Medien" bezeichneten Zeitungen oder Fernsehanstalten offen und klar gegen Putin Stellung bezogen haben, hat ihn gewiss noch populärer gemacht oder zumindest vorhandene Meinungen bestätigt.

Putin-Versteher-Versteher

Gewiss treffen nicht alle dieser Punkte für alle Putin-Versteher zu, und es gibt wohl noch einige weitere, hier nicht genannte Gründe, weswegen viele die Politik Putins bzw. Russlands nachvollziehen können. Unabhängig davon, ob man diese Ansicht teilt oder zumindest zum Putin-Versteher-Versteher wird, ist dieses Phänomen ernst zu nehmen. Zeugt es doch davon, dass zahlreiche Menschen ihr Vertrauen in Politik und Medien zumindest teilweise verloren oder gar nie gefasst haben.

Und dass die Sehnsucht nach starken Führungspersönlichkeiten gerade in Zeiten von Wirtschaftskrise und geostrategischen Konflikten nach wie vor weit verbreitet ist. (Ralph Janik, derStandard.at, 25.11.2014)

Ralph Janik ist Universitätsassistent an der Fakultät für Rechtswissenschaften der Universität Wien, Abteilung für Völkerrecht und internationale Beziehungen.

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