Sie nannten ihn Väterchen Frost

24. November 2014, 10:54
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Der am Montag verstorbene Wiktor Tichonow war der erfolgreichste Eishockeytrainer aller Zeiten und ein echter Despot

Moskau/Wien - Aus rein olympischer Sicht hat die Trainerlaufbahn des Wiktor Wassiljewitsch Tichonow mit einem Desaster begonnen. Das Desaster hieß "Miracle on Ice" und ereignete sich am 22. Februar 1980 in Lake Placid. Die Sowjets, die unter Tichonow zweimal Weltmeister waren und als unschlagbar galten, erlitten gegen eine US-Auswahl von College-Amateuren ein 3:4 (1:1, 1:0, 1:3). Bemerkenswert ist, dass das Match oft fälschlicherweise unter "Finale" läuft, damals wurde eine Finalrunde ausgetragen, die USA hatten nach den Russen noch die Finnen (4:2) zu schlagen.

Bemerkenswert war aber vor allem, dass Tichonow, der mit einem 9:2 über Schweden noch Silber rettete, Trainer der Sbornaja bleiben durfte. Er bedankte sich mit weiteren sechs WM-Titeln und Olympia-Triumphen 1984, 1988 und 1992. Bei ZSKA Moskau, das er ebenfalls betreute und zu 13 Meistertiteln und Europacupsiegen führte, hatte er den berühmtesten Fünferblock der Eishockey-Geschichte geformt- mit Wladimir Krutow, Igor Larionow und Sergej Makarow, dem sogenannten KLM-Angriff, sowie den nicht minder legendären Verteidigern Wjatscheslaw Fetissow und Alexej Kassatonow.

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1992: Olympisches Gold in Meribel. Slawa Bykov trifft zum 3:1 gegen Kanada. Wiktor Tichonow steht an der Bande.

"Es gibt Spieler, die gut arbeiten und gefördert gehören, und Spieler, die Fehler machen und bestraft gehören", lautete Tichonows Credo. Privat ein Kunstliebhaber und Schöngeist, der Bach, Händel und das Theater verehrte, schreckte er als Trainer auch vor Züchtigungen nicht zurück. Tichonow, Oberst der Sowjetarmee, war ein Despot. Sie nannten ihn Väterchen Frost.

Kaserniert in der Basa, dem Trainingscamp außerhalb von Moskau, mussten sich Tichonows Quasi-Profis gefallen lassen, dass der Trainer alles diktierte. Luxusgüter wie Wohnungen oder Autos bekamen die Spieler nur über Tichonow, ihre Familien wurden überwacht, nichtsystemkonforme Sportler gnadenlos aussortiert. Häufig wandte Tichonow körperliche Gewalt an, mitunter sogar während der Spiele. Ob TV-Kameras in der Nähe waren, spielte für ihn dabei keine Rolle.

foto: apa/ap/frehm
1979: Viktor Tichonow erklärt seiner Mannschaft im Madison Square Garden das Spiel.

Der Klassenfeind hatte mit seinen NHL-Angeboten keine Chance, schließlich waren alle Spieler bei der Armee angestellt und damit auch höchst offiziell Befehlsempfänger Tichonows. Ein Abschied ohne Genehmigung wäre Fahnenflucht gewesen. Sogar die Rücktrittsdrohung des bereits von den Montreal Canadiens gedrafteten Wladislaw Tretjak ließ ihn nicht einknicken - der Stargoalie beendete daraufhin 1984 seine Karriere. Für den Erfolg war Tichonow jedes Mittel recht, dafür wusste er die Politik hinter sich. Sogar Moskaus Vergnügungszentrum, der Gorki-Park am rechten Moskwa-Ufer, wurde für die Sbornaja zwischenzeitlich geflutet, um eine Trainingsfläche herzustellen.

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hatte sich Tichonows Stil überholt. Spieler lehnten sich auf und wechselten ins Ausland. Nach Russlands viertem Olympiaplatz 1994 wurde "der Alte" entlassen, ein Comeback endete mit einem zehnten WM-Platz 2004 und seinem neuerlichen Abgang. Russlands Präsident Wladimir Putin hat Tichonows Tod im 85. Lebensjahr nach langer Krankheit als "großen Verlust" bezeichnet. Am Donnerstag findet die Trauerfeier in der ZSKA-Halle statt. Putin wird wohl teilnehmen, im Gegensatz zu vielen von Tichonows früheren Spielern. (fri, sid; DER STANDARD, 25.11.2104)

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