Russische Anmut mit Wiener Philharmonikern

23. November 2014, 20:42
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Konzert mit Dirigent Semyon Bychkov

Wien - Stille ist etwas, das Eltern, noch ältere Menschen und sogar Musiker durchaus zu schätzen wissen - und nicht nur in der stillen Zeit des Jahres. Bemerkenswert war so auch die lange Stille, als bei Tschaikowskis Pathétique die letzte übergebundene Achtelnote der tiefen Streicher verklungen und auch die Achtelpause mit Fermate schon passé war. Keine Hand wagte sich zu rühren, bevor es der Dirigent nicht tat, und Semyon Bychkov rührte sich recht lange nicht. Waren die Empfindungen der philharmonischen Abonnenten derart tief? Oder sind sie einfach nur zu gut erzogen?

Natürlich: Der Russe - er leitet an der Staatsoper gerade die Premierenserie von Mussorgskis Chowanschtschina - hatte im Adagio lamentoso satte Farben für ein Großgemälde der Emotionen angerührt. Den zweiten Satz hatte Bychkov mit geruhsamer Anmut tanzen lassen, eher bedächtig drehte sich auch das Räderwerk der Triolen im dritten Satz. Man hatte bei den Binnensätzen das Gefühl, dass der 61-Jährige die Sache kultiviert angehen wollte.

Schade eigentlich: Der dritte Satz beinhaltet eine der genialsten Steigerungen der Musikgeschichte, wenn es die russischen Orchester da krachen lassen, dann fliegt das Dach weg. Mit Schmackes agierten die Wiener Philharmoniker im Kopfsatz ab dem Allegro vivo: Der Tutti-Akkord riss Unvorbereitete aus dem Samstagnachmittagsschläfchen, straff und kompakt ging es danach weiter; der lange Orgelpunkt auf der Dominante hatte Macht und Kraft.

Mit mehr unterhaltsamen Werken war der erste Teil des Konzerts programmiert. Schostakowitschs zweites Klavierkonzert op. 102 klingt wie ein Jugendwerk: In den Ecksätzen voll von hüpfender Heiterkeit und Oktavparallelen, pendelt der Mittelsatz mit seiner Filmmusiksentimentalität zwischen Korngold und Clayderman. Kirill Gerstein interpretierte das leichtgewichtige Werk pointiert, keck, mit jazzartigen Akzenten und bedankte sich für den Jubel mit einer Zugabe. Mit Michail Glinkas farbiger Valse-Fantasie hatten die Philharmoniker eröffnet und schon ein wenig an die lauteste Zeit des Jahres erinnert: an die Silvesternacht und das walzerselige Neujahrskonzert. (Stefan Ender, DER STANDARD, 24.11.2014)

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