Verlorene Revolution

23. November 2014, 20:35
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Verhaltenes Machtspiel: "Kharbga" im Tanzquartier

Wien - Ein blinder Schauspieler gräbt wortlos Sachen aus einem Kieshaufen: eine Puppe, ein Büchlein, einen Kunstblumenstrauß, eine Pistole, eine Topfpflanze. Dazu tanzen drei Männer und eine Frau. In dem Stück Kharbga von Hafiz Dhaou und Aïcha M'Barek aus Lyon, gezeigt am Wochenende im Tanzquartier Wien, führt das Banale Regie. Doch der Anspruch dieser Arbeit ist, wie sein Untertitel "jeux du pouvoir" besagt, keine Harmlosigkeit. Denn hier tanzen "Machtspiele".

Mit den Mitteln von Choreografie und Tanz lassen sich Kommunikationsstrukturen hinter den Worten gut darstellen. Dhaou und M' Barek lassen in ihrem Verständnis von diesem Potenzial westlich-europäische und nordafrikanische Bewegungs- und Repräsentationselemente ineinanderfließen. Dabei ignorieren sie das in dem Begriff der "Machtspiele" steckende Drama von Korruption, Gewalt und Gnadenlosigkeit eines jeglichen Gezerres um Herrschaft.

So wird der Darstellung dieses Dramas das Sensationelle auf eine Art entzogen, die aufmerksam macht. Denn das Spielen und Tanzen der fünf Figuren macht es unmöglich, sich an einer Ästhetisierung von Machtspielen und der Auflehnung dagegen zu ergötzen. Die dahinter zu erkennende politische Umsicht ist einer näheren Betrachtung wert. Sie hält sich an den Gedanken, dass die ästhetische Veredelung konflikthafter Abläufe den Hang zum Konflikt verstärken könnte. Dieser üblichen Heroisierung des Kampfes bis hin zu gegenseitiger Zerstörung werden in Kharbga belanglos wirkende Bilder und Abläufe entgegengesetzt.

Da springen, drehen und werfen sich die leger gekleideten Tänzer auf einem hügeligen, staubigen Kiesgrund. Die Hügel darin könnten verscharrte Tote bergen, aber das ist nicht ganz sicher. Den thematisierten Machtspielen stehen Bilder von undeutlichen Spannungen und einer schon deutlicheren Desillusioniertheit gegenüber: wie um zu zeigen, dass die politische Utopie der Revolution nach dem Scheitern des "Arabischen Frühlings" endgültig verloren zu sein scheint.

Entsprechend einsam in ihrer Gemeinschaft agieren die fünf Figuren auch auf der Bühne. In bestimmten Situationen tanzen sie zwar synchron, aber auch das nur wie zufällig. Die vier Männer nehmen von der einzigen Frau keine Notiz. Die Sehenden nahmen sich des Blinden zwar ab und zu an, doch seine Ausgrabungen erzeugen kein Interesse. So wird Kharbga zum Zeugnis einer verweigernden Verhaltenheit. Und zur bemerkenswerten Arbeit. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 24.11.2014)

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