Was syrische Asylwerber von Syrien erzählen

24. November 2014, 05:30
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Viele Österreicher hätten falsches Bild von der Lage in Syrien, meinen Flüchtlinge, die Dialog mit Einheimischen suchen

Innsbruck - Ob er in Syrien in einem Zelt in der Wüste gelebt habe, sei er kürzlich gefragt worden: Es seien Bilder wie diese, die in den Köpfen vieler Österreicher vorherrschen würden, wenn sie an den Staat in Vorderasien denken, sagt Dbrahim* und schüttelt lächelnd den Kopf. "Ich habe in einem ganz normalen Apartment in Damaskus gewohnt, dort Wirtschaft studiert und gearbeitet."

Inzwischen ist er seit einigen Monaten in Tirol, befindet sich im Asylverfahren. Was er deutlich machen wolle: Er habe seine Heimat nicht aufgrund von Armut oder Hunger verlassen. Als politischer Aktivist sei vielmehr sein Leben auf dem Spiel gestanden.

Im offenen Zelt

Dbrahim sitzt in einem offenen Zelt vor dem Tiroler Landesmuseum in Innsbruck. Er ist Teil der Gruppe Freedomseekers, die von rund dreißig syrischen Flüchtlingen gegründet wurde und von Menschenrechtsvereinen unterstützt wird. Ihr Ziel ist es, mit den Bürgern ihrer neuen Heimat in den Dialog zu treten, ihre Lebensgeschichten zu erzählen - klarzustellen, warum sie heute hier sind.

Viele Menschen bleiben nicht stehen, um ihnen zuzuhören. Doch es gehe einfach darum, aktiv zu sein, sagt Yamen Abdul, einer der Sprecher der Initiative. "Die Asylverfahren dauern Monate, und jede Sekunde Wartezeit fühlt sich an wie Jahre."

Politisch Druck aufbauen

Mittels Kontaktes zu Österreichern soll politischer Druck aufgebaut werden. Vor einiger Zeit waren die Aktivisten in einen Hungerstreik getreten, nun wollen sie durch Dialog deutlich machen: "Die Asylverfahren müssen beschleunigt werden. Die meisten von uns haben ihre Familien in Syrien. Wir können nie sicher sein, dass unsere Kinder den nächsten Tag überleben. Wir bitten die österreichische Politik um Hilfe" , sagt Abdul.

Bis Ende September wurden in Österreich in diesem Jahr über 16.000 Asylanträge gestellt. Wie viele Asylwerber sich derzeit in der ersten Instanz eines Verfahrens befinden, lasse sich trotz Recherchen nicht eruieren. Sie wisse aber von zumindest 40 Menschen, die den Asylantrag bereits im Jahr 2013 gestellt hätten, sagt Katharina Lang von der Plattform Rechtsberatung. "Wir fordern, dass endlich die gesetzlich vorgeschriebene Verfahrensdauer von sechs Monaten pro Instanz eingehalten wird."

"Wir kamen voller Hoffnung"

Abdul ist seit vier Monaten in Österreich. Darüber, was er in Syrien erlebt hat, möchte er nicht sprechen. "Es herrscht kein Krieg im eigentlichen Sinn. Man weiß nicht, wer der Feind ist, wem du vertrauen kannst, wer dich wann und wie umbringen könnte." Die Reise nach Europa - die sich nur reiche Syrer leisten könnten - sei hart gewesen. Er habe viele Menschen sterben gesehen. "Wir kamen voller Hoffnung, bitte gebt sie uns zurück", sagt Abdul. Das Zelt der Freedomseekers wird bis 5. Dezember zweimal die Woche aufgebaut. *Name von der Redaktion geändert. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 24.11.2014)

  • Die Freedomseekers fordern unter anderem auch raschere Asylverfahren.
    Foto: Katharina Mittelstaedt

    Die Freedomseekers fordern unter anderem auch raschere Asylverfahren.

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