Bildung im Baukastensystem ändert nichts

Kommentar der anderen23. November 2014, 15:40
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Der Vorschlag der Industriellenvereinigung zur Bildungsreform trägt nichts zur Verbesserung der hiesigen Verhältnisse bei.

Als Bub hatte ich einen Metallbaukasten, mit dem man unterschiedliche Maschinen zusammenbauen konnte. Immer wieder habe ich versucht, mit den besten Einzelteilen verschiedener Maschinen eine noch bessere zu erfinden. Ich hab ziemlich lang gebraucht einzusehen, dass das so einfach nicht geht.

Irgendwer muss der österreichischen Industriellenvereinigung (IV) so einen Bildungsbaukasten geschenkt haben. Die versuchen nämlich, aus Bauteilen verschiedener Schulsysteme ein neues für Österreich zusammenschrauben. Warum sich dabei eine Wirtschaftsvereinigung überwiegend in Ländern bedient, die weitaus größere Probleme im Übergang von der Schule zum Arbeitsmarkt haben als Österreich, bleibt rätselhaft. Ebenso, warum genau den jeweils gewählten Bauteilen zugeschrieben wird, für die vermeintlichen Erfolge andernorts entscheidend gewesen zu sein. Forschung, die das eindeutig belegen könnte, gibt es nämlich nicht.

Frühere Einschulung

Nehmen wir zum Beispiel die Vorverlegung der Einschulung auf das fünfte Lebensjahr. Forschung, der man entnehmen könnte, dass das immer oder wenigstens meist vorteilhaft ist, kenne ich nicht. Ein Beispiel dafür kann Norwegen sein, das in den 1990ern die Einschulung um ein Jahr vorverlegt hat. Bislang hat keine Evaluation zeigen können, dass sich diese recht teure Investition außer für kleine Teilgruppen wirklich ausgezahlt hat. Im Gegenteil gibt es internationale Forschung, die zeigt, dass früher eingeschulte Kinder im Verhältnis zu später kommenden oft Nachteile haben. Wahrscheinlich erfordert schulförmiges Lernen doch eine Reife, die selbst sechsjährige Kinder noch nicht immer erreicht haben.

Auf die frühe Einschulung sollen drei Blöcke folgen, die mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten durchlaufen werden können. Wenn man das wirklich will, muss man sehr früh mit Leistungsdifferenzierung einsetzen. Der Forschungslage nach können das vor allem Kinder ausnutzen, die mit größeren eigenen oder familiären Ressourcen ausgestattet sind. Im Ergebnis wäre also damit zu rechnen, dass die gleiche Trennung, die jetzt nach vier Jahren sichtbar wird, ganz einfach um ein paar Jahre vorverlegt und dadurch beschleunigt wird.

Längere Schultage

Dafür sollen diejenigen, denen kein rascher Erfolg beschieden ist, so lange in der Stufe und der Schulpflicht bleiben, bis sie es endlich geschafft haben. Wieder fragt man sich, warum ein Mehr von demselben, das bis dahin keinen Erfolg hatte, auf einmal Wunder bewirken soll. Als Hilfsmittel dazu wird die verschränkte Ganztagsschule empfohlen. Bei einer Kernzeit von 9 bis 15.30 Uhr bliebe netto kaum mehr Unterrichtszeit übrig, als jetzt schon zur Verfügung steht. Zudem gibt es auch hier keine Forschung, die belegen könnte, dass eine solche Verlängerung des Schultages für alle Kinder gleichermaßen vorteilhaft ist.

Die Modellkonstrukteure werden jetzt einwenden, dass es zu all diesen Bauteilen ja auch einer neuen Pädagogik bedarf. Da ist dann gern von "Individualisierung" und "Talentförderung" die Rede. Wenn die denn solch Vorzügliches bewirken können, warum können die das nicht auch im gegenwärtigen System? Tatsächlich zeigt aber die Forschung, dass gerade ausgeprägte Individualisierung und einseitige Leistungsorientierung wieder vor allem jenen zum Vorteil gereicht, die ohnehin schon privilegiert sind. Wenn man jenen helfen will, die weniger Ressourcen mitbringen, gibt es nur einen Weg, nämlich genau diese fehlenden Ressourcen für gemeinsames Lernen in der Schule zur Verfügung zu stellen.

Größere Ungerechtigkeit

In der Summe betrachtet leistet so ein Modell wie das der Industriellen also nur eins: Durch eine gemeinsame Lokalisierung aller in einer Schulform werden die Unterschiede, die im gegliederten Schulsystem offen zutage liegen, nicht abgebaut, sondern nur versteckt. Zudem würde so eine Strukturreform alle Mittel verschlingen, die sonst vielleicht zur gezielten Förderung zur Verfügung stehen könnten. Stattdessen würde durch die vorgeschlagene Form der Binnendifferenzierung der Vorsprung der Kinder mit vielen sozialen und kulturellen Ressourcen gegenüber den anderen wahrscheinlich sogar wachsen. Aber vielleicht ist es ja auch genau das, was man erreichen will. (Stefan Hopmann, DER STANDARD, 24.11.2014)

Stefan Hopmann lehrt und forscht am Institut für Bildungswissenschaften der Universität Wien.

  • Stefan Hopmann: Die Konsequenz des Modells der Industriellenvereinigung wäre noch größere Ungerechtigkeit.
    foto: andy urban

    Stefan Hopmann: Die Konsequenz des Modells der Industriellenvereinigung wäre noch größere Ungerechtigkeit.

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