Challenge Bibendum: Es lebe der Luftreifen 

21. November 2014, 16:05
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In China findet die rasanteste Entwicklung des Verkehrs statt. Dort sollten im Sinne einer gesunden Umwelt keine falschen Entscheidungen getroffen werden. Ein Reifenhersteller versucht zu vermitteln

Chengdu - Die erfolgreichsten Produkte der Welt transportieren immer auch eine Ideologie. Deshalb dürfte es für Michelin wohl besonders wichtig sein, eine Pionierrolle in Sachen Umweltschonung einzunehmen. 1998, im Jahre 100 nach Gründung, führte Michelin die erste Challenge Bibendum durch, eine Messe, die sich mit der Zukunft des Verkehrs und seinen Umweltwirkungen auseinandersetzte. Bald kristallisierte sich eine wichtige Stoßrichtung zur Entwicklung nachhaltiger Individualverkehrssysteme heraus: die Elektromobilität.

Der erste Event außerhalb Frankreichs in Fontana (USA) stand im Fokus der Brennstoffzellen-Technologie. Die Internationalisierung schritt voran, das Interesse war enorm: China, Japan, Südamerika, Berlin. Und jetzt ein drittes Mal China. Nach zweimal Schanghai nun Chengdu.

Elektromopeds, Autobus, Pkw

Chengdu ist eine 15-Millionen-Einwohner-Metropole im mittleren Westen Chinas, Hauptstadt der Provinz Sichuan. Chengdu ist der Prototyp einer boomenden Stadt mit enormem Verkehrsaufkommen. Eine Mustervorlage dafür, wo und wohin sich der Verkehr künftig entwickeln wird und wo auch die großen Geschäfte zu erwarten sind.

Bis vor kurzem setzte man in Chengdu noch voll auf den Autoverkehr. Die verkehrstechnischen Fünfjahrespläne der Zentralregierung orientierten sich offenbar an US-amerikanischen Vorbildern: ein Netz an vielspurigen Verkehrswegen, mehrstöckigen Stadtautobahnen und Schnellstraßen, das eher an Los Angeles erinnert, als dass man es irgendwo im Hinterland Chinas vermuten würde. Das U-Bahn-Netz ist mit 40 Kilometern Länge vergleichsweise mickrig und erst 2010 eröffnet worden. Immerhin misst die Stadt an ihrer längsten Stelle 180 Kilometer, an ihrer breitesten 160 Kilometer.

Das Straßennetz verbindet ein dichtes Konglomerat an Satellitenstädten. Ungefähr 1000 Trabrennsiedlungen, aber mit doppelt so hohen Häusern und ohne Grün dazwischen. Die wichtigsten Verkehrsmittel sind die Elektromopeds, zwei- oder dreirädrig, der Autobus, der Pkw. Auch die taiwanesische Foxconn, die unter anderen für Apple iPads herstellt, berühmt geworden aber durch miserable Arbeitsbedingungen, betreibt ein Werk in Chengdu. Kürzlich gab es auch heftige Bürgerproteste gegen ein geplantes Petrochemiewerk.

Gesucht: kluge neue Strategien

Hier gibt es viel zu tun. Hier wuchern die Ideen für neue Mobilitätssysteme und Geschäftsmodelle. Jetzt ist vor allem eines gefragt: Ordnung in diesen Haufen der Ideen zu bringen. Das ist gewissermaßen eine der Botschaften von Michelin und den Partnerunternehmen, die die Challenge Bibendum unterstützen.

Die Ausgangsposition: An die drei Milliarden Menschen weltweit wird es in den kommenden 35 Jahren in die Städte ziehen. Dieser Ansturm lässt sich durch das Hochrechnen bestehender Mobilitätsmodelle nicht bewältigen. Sowohl der Transport der Menschen, als auch der Güter erfordert kluge neue Strategien.

Während kommunistische Regierungen ihre Vorhaben in Fünfjahresprogramme gossen, neigt man bei Michelin eher zu Fünfpunkteprogrammen. Der Ansatz erscheint konkret und erstrebenswert, die Umsetzung durchaus wünschenswert: ehrgeizige Verringerung der CO2-Emissionen der Fahrzeuge allgemein, Schaffung von Umweltzonen für Fahrzeuge mit niedrigen Emissionen, bessere Lieferlogistik, kreative Personenverkehrslösungen von Tür zu Tür, Förderung privater Investitionen für Infrastruktur.

Und das Allerwichtigste: Am Ende sollte dieser neue umweltfreundliche Verkehr doch noch auf Luftreifen stattfinden. (Rudolf Skarics, DER STANDARD, 21.11.2015)

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Die Teilnahme an internationalen Fahrzeug- und Technikpräsentationen erfolgt großteils auf Basis von Einladungen seitens der Automobilimporteure oder Hersteller. Diese stellen auch die hier zur Besprechung kommenden Testfahrzeuge zur Verfügung.

  • Wolkenkratzer und Verkehrsstau. Chengdu, chinesische Provinzhauptstadt nach US-amerikanischem Vorbild. Das wahre Leben hat meistens drei Räder und ist ein Kampf um bescheidenen Wohlstand.
    foto: laggers.com

    Wolkenkratzer und Verkehrsstau. Chengdu, chinesische Provinzhauptstadt nach US-amerikanischem Vorbild. Das wahre Leben hat meistens drei Räder und ist ein Kampf um bescheidenen Wohlstand.

  • Dieser vollautomatische fahrerlose People-Mover zeigt, dass der Verkehr der Zukunft Gummiräder hat. Den Bibendum freut das.
    foto: laggers.com

    Dieser vollautomatische fahrerlose People-Mover zeigt, dass der Verkehr der Zukunft Gummiräder hat. Den Bibendum freut das.

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