"Zehn Hektar Wald für eine Kanone" 

22. November 2014, 17:00
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Gut zehn Millionen Bäume wurden im spanischen Kantabrien zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert für die iberische Marine gefällt - seit 1999 läuft ein Aufforstungsprojekt

Granada - Man hat den Eindruck, als ob man sich weit über der Baumgrenze bewegen würde. Moränen längst geschmolzener Gletscher sowie die Folgen der Erosion mit tief in die Hänge gezogenen Furchen verschärfen diesen Eindruck noch. Dabei ist man auf knapp 1000 Metern zwischen San Roque de Riomiera (rund 400 Einwohner) und dem Pass Portillo de Lunada in einer durch Landflucht vereinsamten Gegend.

Grün, steil und absolut baumlos sind die Hänge der Montañas Pasiegas. Das ist der östlichste Teil des Kantabrischen Gebirges, das sich an der Grenze der gleichnamigen, nordspanischen Region, der Provinz Burgos und dem Baskenland befindet. Höchster Gipfel ist der Castro Valnera mit 1718 Metern, der die Umweltsünden früherer Generationen überragt.

Fast 3000 Kanonen gegossen

Gut zehn Millionen Bäume auf 50.000 Hektar sind hier zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert abgeholzt worden, um Waffen, Schiffe und in erster Linie Kanonen für die lange Zeit größte Marine der Weltmeere, Spaniens Armada, zu gießen. "Für eine einzige Kanone brauchte man das Holz von zehn Hektar Wald", sagt Carlos Sánchez, Präsident der Stiftung Natur und Mensch (Fundación Naturaleza y Hombre, FNYH) in Astilleros, dem Standard. Fast 3000 Kanonen wurden allein im 18. Jahrhundert mit Feuerholz aus den Pasiegas-Wäldern gegossen, um Galeonen und Fregatten, aber auch Wachtürme, Stadtmauern und Burgen zu bestücken.

Von der damaligen "Zentrale" der königlichen Abholzungsmission, der Casa de Rey (Haus des Königs), deren Grundmauern noch stehen, wurden die Arbeiten auf der "resbaladero" genannten, mit Holzplanken ausgelegten, 1,7 Kilometer langen Rutschbahn für Stämme bis zum Miero-Fluss überwacht. Für den Weitertransport zu den Hochöfen der Kanonen- und Waffenfabriken von Liérganes und La Cavada nahe der Hafenstadt Santander und den dortigen Werften. Von der denkmalgeschützten, industriellen Struktur sind tiefe Rinnen in Fels und Boden noch klar sichtbar.

Österreichisches Konzept

Die Rutsche hat übrigens der Österreicher Wolfgang Mucha (*1758) bereits 1791 konzipiert. Der Ingenieur hatte zuvor im obersteirischen Gusswerk - Zentrum der Habsburger Artillerieproduktion, befeuert mit den Wäldern um Mariazell - und in Böhmen Erfahrung im Holztransport zu Wasser über Klausen und Schleusen gesammelt. Doch das Kantabrienprojekt war das umfangreichste seiner Epoche, und Muchas Arbeit erregte nachträglich das Missfallen des damaligen Königs Karl IV. Mucha hatte ein Detail nicht bedacht: die stark variierenden Niederschläge.

Binnen einer Dekade waren mannigfaltigste Reparaturen und Erweiterungen vorzunehmen. Staubecken wurden nachträglich angelegt - ein kostspieliges Unterfangen. Eines, das den Geduldsfaden des von den Briten in den karibischen Kolonien und Napoleon jenseits der Pyrenäen bedrohten Monarchen reißen ließ. Mucha musste gehen. Die Infrastruktur war fertiggestellt, sie funktionierte jahrhundertelang.

Seit 1999 heilen die Narben

Der studierte Forstwissenschaftler Sánchez weiß, dass auch die Viehwirtschaft und das Roden nachwachsenden Strauchlandes durch gelegte Brände zahllose Aufforstungsversuche zunichtemachten. Doch seit 1999 bemüht sich die FNYH mit Erfolg, Narben der Natur zu heilen. Knapp 100.000 Bäume wurden seither gepflanzt: "Eine Arbeit, die ebenso Generationen brauchen wird", sagt Sánchez. "Viehzucht und Wald schließen sich nicht aus." Rodungen senken auf lange Sicht Qualität und (wegen Erosion) auch die Quantität der Gräser. Das schmälert den Gewinn durch Ziegen-, Schaf- und Rinderhaltung.

Doch fressen Weidetiere nur zu gerne die Sprosse der Jungbäume. "Gepflanzt wird inmitten kurz geschnittener, aus biologisch abbaubarem Material hergestellter Zylinder. Diese bieten Schutz, bis der Baum eine überlebensfähige Größe erreicht", sagt Lorenzo García, der als Förster für die FNYH arbeitet. Alles geschieht manuell, schweres Gerät wird nicht eingesetzt. Sánchez: "Unsere Philosophie ist, so wenig wie möglich in die Natur einzugreifen."

Das Ziel: prächtige Wälder

So wächst langsam nach, was einst zerstört wurde: Eichen, Buchen, Eschen und Birken, aber auch Sträucher wie Haselnuss. "Wir wollen, dass die Pasiegas-Bergregion wieder prächtige Wälder hat", betont Sánchez.

Ein weiteres Ziel des FNYH-Projektes ist es überdies, vom Aussterben bedrohten Spezies wie Pyrenäen-Gämsen, Schmutz- und Gänsegeiern sowie Steinadlern wieder ein angemessenes Habitat zu bieten. Zugleich siedelt man einheimische Nutztierarten an: die typisch rotbraunen Pasiegas-Kühe, deren Milch besonders fetthaltig ist, einst in der Landwirtschaft eingesetzte Pferde, Schafe und Esel, die seinerzeit den Warentransport durch das Bergland schulterten.

Tiere für die Spitzengastronomie

Kühe und Ziegen werden in ökologischer Zucht gehalten. Knapp 100 Tiere werden pro Jahr geschlachtet, auch für die Spitzengastronomie der Region. Die Einnahmen fließen in die Aufforstung. Finanziert wird diese übrigens auch aus EU-Geldern, dem Regionalbudget und durch private Geldgeber. (Jan Marot, DER STANDARD, 15.11.2014)

  • Kühe vor abgeholzten Hängen: In der nordspanischen Region Kantabrien  wird Wiederaufforstung jetzt großgeschrieben.
    fnyh, fundación naturaleza y hombre

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