Rundschau: Taxi nach Mutantenhausen

Ansichtssache20. Dezember 2014, 15:33
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coverfoto: heyne

Sascha Mamczak, Sebastian Pirling & Wolfgang Jeschke: "Das Science Fiction Jahr 2014"

Broschiert, 971 Seiten, € 38,10, Heyne 2014

Wie könnte man das Ende des Rundschau-Jahrs besser einläuten als mit dem Science-Fiction-Jahrbuch von Heyne? Zumal es das Letzte seiner Art ist. Yep, schon länger erwartet, ist es jetzt also wirklich soweit: Heyne stellt den Traditionswälzer - Jahr für Jahr das fetteste Stück SF-Sekundärliteratur im deutschsprachigen Raum - ein. 1986 gestartet, blieb der Reihe damit ein rundes Jubiläum versagt. Leider; aber die Verhältnisse auf dem Buchmarkt haben sich seit dem SF-Boom der 80er eben geändert.

Die SF, das unbekannte Wesen

Eher bittersüß wirkt es daher, wenn Langzeit-Jahrbuchmitarbeiter Wolfgang Neuhaus im Essay-Teil des Buchs "Warum die Science Fiction immer noch das Brisanteste aller Genres ist" titelt. Überhaupt sind gleich mehrere Aufsätze hier der SF an sich gewidmet. Während sich Neuhaus dem Wesen des Genres im Sinne einer Definition anzunähern versucht (kein leichtes Unterfangen), greift sich Adam Roberts ("Twenty Trillion Leagues Under the Sea", "By Light Alone") das vielzitierte "Golden Age" der SF heraus.

Dabei geht der Kritiker, Kenner und Autor mit Vorliebe für ausgefallene Ideen von Tom Godwins nicht minder vielzitierter Kurzgeschichte "The Cold Equations" aus dem Jahr 1954 aus. Ist doch immer wieder interessant zu lesen, welche neuen Lösungen für das darin geschilderte Dilemma sich jemand einfallen hat lassen! Und so nebenbei findet Roberts zudem neue Worte für den immer wieder frappierenden Umstand, dass der SF-Film der SF-Literatur geistig jahrzehntelang hinterherhinkt. (Ob das der Grund ist, warum er im Gegensatz zu ihr nach wie vor boomt?)

Von Merkel zu Muad'Dib

Noch älter ist Murray Leinsters bzw. eigentlich William F. Jenkins' Erzählung "A Logic Named Joe". Die hat mittlerweile Berühmtheit erlangt, weil sie im Jahr 1946 Phänomene des Internetzeitalters erstaunlich zutreffend vorhersagte und damit unserer Gegenwart viel näher kam als Leinsters Zeitgenossen, die von riesigen Elektronenhirnen schrieben. Die Computerwissenschafter David L. Ferro und Eric G. Swedin nehmen die Erzählung als Beispiel für die Funktion von SF-Literatur als Zukunftsprognose: Heute ein weitestgehend verworfener Ansatz, in der Anfangszeit des Genres aber noch die dominante Vorstellung.

Politikwissenschafter Peter Seyferth schließlich steuert mit "Wo bleibt das Positive?" einen interessanten Beitrag über kritische Utopien (im Sinne Ursula K. Le Guins) respektive Dystopien bei. Und listet ein paar Beispiele von Hoffnungsvollem auf, die sich in der Übermacht der aktuellen Dystopie-Mode durchaus finden lassen. Applaus auch dafür, wie er eine Überleitung von Merkel zu Muad'Dib findet!

Raus aus dem Elfenbeinturm

Anders als in der oben genannten Sicht von SF als Prognose-Tool, die vor allem auf den visionären Elektronik-Bastelfex Hugo Gernsback zurückgeht, gilt die Science Fiction heute überwiegend als Genre, das die Probleme der Gegenwart thematisiert. Und sie muss auch nicht auf jede bange Frage sofort eine Antwort liefern - das zeigte die Conclusio von David Brins gewaltigem Roman "Existenz" sehr schön. Die Debatte an sich ist wichtig, so der Star-Autor, der seine Website im Anschluss an die Romanveröffentlichung als futurologische Diskussionsplattform nutzte und auch sonst jede Gelegenheit für einen Dialog zu Fragen der Zukunft ergriff.

In seinem sehr lesenswerten Jahrbuchbeitrag "Singularitäten und Albträume" setzt David Brin diesen Prozess fort. Ausgehend von Szenarien wie der allgemeinen Verfügbarkeit von Hochtechnologie - etwa in Form von Biolaboren oder Nanofabriken im Mac-Format - widmet er sich der Frage, ob die gesellschaftliche Entwicklung auf eine Singularität, den Untergang oder einen erzwungenen Technologiestopp zusteuert. Optimist und Demokrat, der er ist, kommt Brin zum Schluss, dass die menschliche Zivilisation letztlich nur durch Offenheit und wechselseitige Rechenschaft eine Zukunft haben kann.

Erfolgsgeschichten

Neben solchen Gesamtbetrachtungen des Genres bzw. der Welt enthält das Jahrbuch auch eine Reihe von Beiträgen zu einzelnen Phänomenen des SF-Universums. Etwa dem "Planet der Affen"-Franchise, dessen Entstehungsgeschichte Filmbusinessexperte David Hughes ("Tales from Development Hell") in spannender Weise protokolliert. Unter den Kelchen, die in diesem turbulenten Prozess an uns vorübergegangen sind, befand sich offenbar auch Oliver Stones Idee von im Kälteschlaf liegenden "vedischen Affen", die den geheimen Zahlencode der Bibel kennen. *erleichtertesaufatmen*

Sven-Eric Wehmeyer widmet sich den SF-Aspekten im Werk von Stephen King, Kai Jürgens wiederum klopft das Schaffen von Arno Schmidt auf Phantastik-Elemente ab. Der interessanteste Beitrag in diesem Block ist für mich aber "Der unschuldige Killer" von John Kessel, in dem der Literaturwissenschafter die zweifelhafte Moral von Orson Scott Cards Welterfolg "Ender's Game" seziert, welcher immerhin in einem schuldfreien Genozid gipfelt. Kessel argumentiert dabei ebenso rational wie nachvollziehbar. Und kommt zum Schluss, dass es zwar ein ganz natürlicher Teenager-Wunsch sei, sein Umfeld mit einer Atombombe auslöschen zu wollen ... dass sich das aber nicht unbedingt als Ausgangspunkt einer universalen Ethik eignet.

Den wissenschaftlichen Teil bestreitet einmal mehr Uwe Neuhold, auch wenn er sich auf ein einziges Thema - die Geschichte der Teleskopie - beschränken muss. Dafür ist Neuhold im Rezensionsteil stark vertreten - witzig etwa, wenn er sein Entsetzen darüber zum Ausdruck bringt, wie aus der vermeintlichen Traumpaarung Larry Niven und Gregory Benford ein Roman wie "Himmelsjäger" entspringen konnte. (Und inzwischen wissen wir ja leider, dass die nach der Rezension erschienene Fortsetzung "Sternenflüge" das auch nicht mehr rausreißen konnte.)

Noch zeitgemäß?

Und damit wären wir schon bei dem, was für viele LeserInnen stets der Hauptanreiz zum Kauf des Jahrbuchs war: die Rezensionen. Jeweils ein mehrköpfiges Team bespricht dabei auf 90 Seiten SF-Literatur, knapp 70 Seiten Comics, über 100 Seiten Filme (ich werde die genialen Bildunterschriften vermissen!), 35 Seiten Games und auf beachtlichen 50 Seiten Hörspiele. Immer noch sehr interessant zu lesen - auch wenn im Internetzeitalter an verfügbaren SF-Rezensionen natürlich anders als früher keinerlei Mangel herrscht.

Ist so ein Jahrbuch also ein ähnlich anachronistisches Konzept wie eine Wochenschau oder eine Weltausstellung? Aber nicht doch - und hier kommt die gute Nachricht: Das Jahrbuch wird auch weiterhin erscheinen, offenbar sogar mit formalen und personellen Kontinuitäten. Es wandert nur von Heyne zum Golkonda-Verlag: Eine gelungene Zepterübergabe, denn wer im deutschsprachigen Raum Hirn und Herz für Science Fiction sucht, wird kaum eine bessere Stelle finden als diese. And the quest continues.

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