Die Erde ist zu klein für all das, was wir von ihr brauchen

23. November 2014, 12:30
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Studie wirft kritischen Blick auf den Anbau von Pflanzen zur Gewinnung von Bioenergie

Jena - Auf der Erde steht nicht genug Land zu Verfügung, um all das zu leisten, was wir bei Beibehaltung und Ausbau bisheriger Nutzungsweisen in Zukunft benötigen würden. So lautet das ernüchternde Fazit einer Studie, die Josep Canadell vom Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (CSIRO) so zusammenfasst:

"Der Landbedarf, der nötig wäre, um all die Ansprüche wie Ernährung, Holzproduktion, Energiebedarf und eine Abschwächung des Klimawandels zu erfüllen, ist drei bis sieben Mal so hoch wie das tatsächlich verfügbare Land auf dieser Erde. Um diesen Land- und Biomassebedarf nur teilweise zu erfüllen, müsste die Menschheit in abgelegene, weniger fruchtbare und kaum zugängliche Gegenden ziehen".

Durchgerechnet

Insbesondere die Nutzung von Bioenergie wirft Probleme auf, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für Biogeochemie in Jena und der CSIRO bilanzieren. Ernst-Detlef Schulze, emeritierter Direktor am Max-Planck-Institut für Biogeochemie, analysierte zusammen mit Canadell verschiedene Optionen der Nutzung pflanzlicher Biomasse, um den Klimawandel abzuschwächen.

Sie betrachteten dabei die Gesamtbilanz aller klimawirksamen Gase, neben Kohlendioxid also auch Lachgas und Methan. Letztere setzt der Mensch zwar in deutlich geringeren Mengen frei als Kohlendioxid, dafür ist ihre klimaschädliche Wirkung aber auch ungleich höher: Bei Lachgas 256 Mal und bei Methan immer noch 28 Mal höher als bei Kohlendioxid.

Die Probleme von Bioenergie

"Bioenergie" bedeutet, dass aus pflanzlicher Biomasse Energie gewonnen wird. Das Heizen mit Holz fällt ebenso unter diese Kategorie wie die Herstellung von flüssigen Biokraftstoffen. Diese Energiegewinnung gilt als nachhaltig und CO2-neutral, da bei der Verbrennung von Biomasse nur so viel Kohlendioxid frei wird, wie die Vegetation zuvor aufgenommen hat.

Doch weisen die Studienautoren darauf hin, dass diese Bilanz unvollständig ist: So setzen die Stickstoffdünger, die beim Anbau von Zuckerrohr, Raps und anderen biologischen Energieträgern in zu großen Mengen verwendet werden, viel Lachgas frei. Außerdem müssen den Anbauflächen meist andere Ökosysteme wie etwa Wälder weichen, die bereits viel Kohlendioxid speichern. Es dauert Jahrzehnte, bis dieser Schaden durch Einsparungen fossiler Brennstoffe ausgeglichen wird.

Für problematisch halten Schulze und Canadell die Bioenergie auch wegen ihrer geringen Effizienz: "Die Photosynthese nutzt nur 0,6 Prozent der Sonnenenergie, um Biomasse aufzubauen", erklärt Schulze. "Im Vergleich dazu erreicht eine Solarzelle eine Energieausbeute von 30 Prozent. Die gleiche Energiemenge ließe sich mithilfe der Photovoltaik also auf einem Bruchteil der Fläche gewinnen."

Nutzungskonflikte

Der zentrale Konflikt, der sich in Zukunft noch verschärfen würde, liegt darin, dass alle biologischen Maßnahmen zur Senkung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre mehr Land und Pflanzen benötigen. Das gilt aber auch für den Anbau von Nahrungspflanzen oder solchen, die Baumaterial liefern sollen. Und trotz dieser Ansprüche dürfen nicht alle Natur- in Kulturflächen umgewandelt werden: So wäre beispielsweise der Erhalt der tropischen Regenwälder für den Klimaschutz von zentraler Bedeutung.

Eine Lösung dieses Konflikts sehen die Studienautoren nur in einem nachhaltigen, integrierten Landmanagement. Sie empfehlen zudem die verstärkte Nutzung von Sonnen- und Windenergie. (red, derStandard.at, 22. 11. 2014)

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