Moritz macht sich auf eine Winterreise

23. November 2014, 19:06
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Fantastische Geschichten aus der Welt der Werbung. Diese Woche: Louis Vuitton. Warum Moritz Moosbrugger wahrscheinlich seine Antrittsvorlesung an der Sorbonne verpasst und mal wieder ganz alleine dasteht.

Jetzt war alles vorbei. Die Dinge hatten sich gegen ihn verschworen. Du steckst deine Nase nur in deine Bücher, hatte Klara an diesem Novembermorgen zu ihm gesagt, ich halte es nicht mehr aus. Geh. Ich will dich nie mehr wiedersehen.

Sie hatte ja so recht, dachte Moritz Moosbrugger auf dem Weg ins Tal. Es war immer so gewesen, schon als Kind hatte er Bücher den Menschen vorgezogen. Bei Menschen musste man immer auf lieb und freundlich machen, obwohl einem eigentlich zum Heulen zumute war. Bücher waren leise und unaufdringlich. Und sie trugen ihn weg von seiner Verzweiflung.

foto: lukas friesenbichler/originalsujet von peter lindbergh

In der letzten Nacht war in Bartholomäberg der erste Schnee dieses Winters gefallen. Das Weiß schmerzte fast ein wenig in Moritz‘ Augen. Die Luft war kalt und rein. Wieso war der Bus nicht gekommen? Die Straße war doch aper. Jetzt würde er den Zug verpassen, und sein Fahrplan nach Paris war doch so eng getaktet.

Morgen vormittag hatte er seine Antrittsvorlesung an der Sorbonne, als Inhaber des Bettencourt-Lehrstuhls für neue österreichische Literatur. Würde sich das jetzt noch ausgehen? Wenn nicht, dann mussten Daniel Kehlmann, Thomas Glavinic und Xaver Bayer noch etwas auf ihre literaturwissenschaftliche Einordnung warten.

Ach, Bayer… was für ein angenehm stiller, trauriger, alter junger Mensch er doch war. Moritz empfand zu seinem Studienobjekt und Jahrgangskollegen eine gewisse Gemütsverwandtschaft. "Weiter" hieß ein Roman des Wieners, sein bester vielleicht. Und "weiter, weiter" – das sagte Moritz auch gerade zu sich selbst. Hinunter ins Tal. Durch einen langen Winter zum nächsten Sommer, zur nächsten Liebe, vielleicht. (Stefan Ender, derStandard.at, 23.11.2014)

  • Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Peter Lindbergh.
    foto: lukas friesenbichler/originalsujet von peter lindbergh

    Die Kreativität der Werbebranche ist grenzenlos. Genauso wie die Fantasie unseres Autors Stefan Ender. Er denkt sich an dieser Stelle wöchentlich eine Geschichte zu einer aktuellen Werbekampagne aus. Das Magazin mit dem aktuellen Werbesujet fotografierte Lukas Friesenbichler, das Originalmotiv stammt von Peter Lindbergh.

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