Christine Lavant: Ich habe eine Welt und diese Welt brennt!

21. November 2014, 18:08
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Höhlen der Verlassenheit: Der erste Teil einer auf vier Bände angelegten Werkausgabe versammelt die zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte der großen, noch immer zu unbekannten Schriftstellerin

Während ich, Betrübte, schreibe, / funkelt in der Vollmondscheibe / jenes Wort, das ich betrachte, / seit die Taube mich verlachte, / weil ich aus dem Wasserspiegel / ohne Namen, ohne Siegel / in die Einschicht trat. / ...

Kurz vor seinem Tod gab Thomas Bernhard in der Bibliothek Suhrkamp eine wohlorchestrierte Auswahl von Christine-Lavant-Gedichten heraus und charakterisierte diese als "das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern missbrauchten Menschen als große Dichtung, die in der Welt nicht so, wie sie es verdient, bekannt ist".

Bernhards Versuch, mit diesem Buch die in Österreich mit den im Otto-Müller-Verlag erschienenen Gedichtbänden Die Bettlerschale, Die Spindel im Mond, Der Pfauenschrei und dem Nachlassband Kunst wie meine ist nur verstümmeltes Leben zur lyrischen Ikone gewordene Christine Lavant auch einer bundesdeutschen Leserschaft nahezubringen, scheiterte ebenso wie die Veröffentlichung sämtlicher erhaltener Lavant-Gedicht-O-Töne, ergänzt durch eine von Michael Krüger getroffene und von Elke Heidenreich gelesene Auswahl.

Für den deutschen Wallstein-Verlag ist wohl der sich 2015 zum hundertsten Mal jährende Geburtstag von Christine Lavant Anlass für eine - vom Robert-Musil-Institut der Universität Klagenfurt editorisch betreute - vierbändige Werkausgabe. Der erste Band, herausgegeben von Doris Moser und Fabjan Hafner, ist vor kurzem unter dem Titel Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte erschienen.

Das Buch versammelt neben den drei Gedichtbänden, die Lavants Ruhm begründet haben, auch das Frühwerk Die unvollendete Liebe, Lavants späte, in Liebhaberausgaben und Sammelbänden veröffentlichte Lyrik Sonnenvogel, Wirf ab den Lehm, Hälfte des Herzens sowie die erstmals in Buchform zugänglich gemachten, verstreut publizierten Gedichte.

Lesen als Weltersatz

Schon sehr früh werden Lesen und Schreiben für die als kränkelndes Kind armer Leute im Lavanttal auf die Welt gekommene Christine Tonhauser, die durch ihre körperlichen Gebrechen, Schwäche und behinderte Sinne vom Treiben der Gleichaltrigen ausgeschlossen und nahezu ohne formale Schulbildung war, ein Weltersatz. Aus diesem Weltersatz wird ihre eigene Wirklichkeit, die der Christine Lavant.

Zum wichtigsten literarischen Förderer der Autodidaktin wurde Ludwig von Ficker, der in ihren Gedichten ein Nachhallen der Verse Georg Trakls und R. M. Rilkes erkannte. Der durch einen intellektuellen Katholizismus geprägte Ficker sah die Lavant als größte dichterische Naturbegabung Österreichs. Doch sein Hauptaugenmerk lag auf dem Metaphysischen und der religiösen Bildlichkeit in ihrer Lyrik.

Hinfällig starre ich ins Rad der Zeit. / Wie langsam drehen sich die Sonnenspeichen! / Kein Meister lehrt mich, früh das Ziel erreichen, / doch scheint es oft, als wär ich eingeweiht. / Die Allernächsten gaben mich dem preis, / was in den Höhlen der Verlassenheiten / begreifbar ist, und meine Finger gleiten / entlang der Bilderschrift, die alles weiß. / Viel lieber säße ich noch tief im Mohn / bei Trost und Hoffnung und ein wenig Lüge, / denn hier trägt alles schon die klaren Züge / der argen Wahrheit - man erfriert davon.

Ein poetisches Ich, das aus den Höhlen der Verlassenheiten ruft, eine erstaunliche Metaphorik und eine präzise Beherrschung vers-technischer Mittel wie Rhythmus und Reim. In Lavants Gedichten wird eine Welt evoziert, die vornehmlich aus dem klagenden Ich und der es umgebenden Natur besteht sowie den Gestirnen darüber, die sich nur selten zu einem Himmel fügen. Eine ungeheuer kraftvolle Lyrik, aber gleichzeitig eine von einer großen Melancholie.

Liebesgewitter

Die schicksalshafte Begegnung mit dem Maler Werner Berg, in dessen Exemplar von Die unvollendete Liebe sie "Für Werner Berg die Wortlose ein kleines Wort und auch das groß: Ich hab dich sehr gern!" eintrug, als schriebe sie von einer sich vollendenden Liebe, spiegelt sich in ihrer Lyrik: "Wie viele Gedichte auch Gott anrufen und anklagen: Die religiöse Problematik erscheint sekundär (...) Sie ist Folge einer absolut erlebten Liebe und Liebestrennung", analysierte Grete Lübbe-Grothues aus genauer Textkenntnis.

Sibylle Lewitscharoff, für die Lavant unter den Frauen die größte Dichterin des 20. Jahrhunderts ist, hält es für gut möglich, dass die Gedichte eine doppelfädige Bedeutung haben: "Ein Versteckspiel mit scheinreligiösen Inhalten, wobei eigentlich ein sehr, sehr profanes Liebesgewitter dahintersteckt."

Das Verdienst der Herausgeber dieses Buches liegt (nachzulesen in den Nachworten) im Aufzeigen dieser sinnlich-erotischen, die leibliche Gegenwart wahrnehmende und über die katholische Begrifflichkeit hinausgehende Lesart in Lavants Gedichten. In dieser Lesart konnte man Die Bettlerschale als Leerform oder leeres Gefäß, Die Spindel im Mond als das Aufgehen des Männlichen im Weiblichen und Der Pfauenschrei als Lust- oder Liebesschrei deuten, auch wenn dieser Dreischritt von Begehren, Erfüllung und erneuter Vereinsamung in diesen Gedichtbänden chronologisch nicht nachvollziehbar ist. "Gute Gedichte", schrieb Thomas Kling über Lavants Lyrik, "sind immer Produkte des kontrollierten Außersichseins, nicht von innerlicher Schlafwandelei." (Wilhelm Huber, Album, DER STANDARD, 22./23.11.2014)

  • Christine Lavant, "Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte". Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner. € 39,10 / 720 Seiten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014
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    Christine Lavant, "Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte". Herausgegeben und mit Nachworten von Doris Moser und Fabjan Hafner. € 39,10 / 720 Seiten. Wallstein-Verlag, Göttingen 2014

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