Ist Netflix zu beliebt?

21. November 2014, 11:08
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Streamingdienste jagen TV-Sendern massenhaft Seher ab - Medienkonzerne in einer Zwickmühle

Wissen ist Macht. Normalerweise. Doch für Fernsehsender gibt es auch zu viel Information. Ab kommendem Monat wird Nielsen damit beginnen, die Zuschauerzahlen von Netflix und Amazons Prime-Instant-Videodienst auf Fernsehgeräten zu messen. Dafür braucht das Unternehmen nicht einmal die Einwilligung der beiden Streaming-Anbieter - der WebStandard berichtete. Durch diesen Schritt wird nun aber Licht auf eine Sache geworfen, die für Medienfirmen bisher gewissermaßen eine Blackbox war. Die großen Produzenten erfahren zum ersten Mal, ob sie eigentlich genug Geld für die Lizenzierung von Inhalten an Netflix und Co. bekommen und ob diese Deals vielleicht einen ungewünschten Nebeneffekt hatten.

Sollten die Messungen an die Öffentlichkeit gelangen, könnte sich auch zeigen, ob sich Investitionen in Inhalte auf Netflix und Amazon auszahlen.

Lizenzierung von Inhalten

Die Lizenzierung von Inhalten an Firmen wie Amazon und Netflix ist zu einem wichtigen Wachstumstreiber bei den großen Medienkonzernen geworden – nicht nur beim Umsatz. Aufgrund der tollen Margen konnte man auch ein noch größeres Plus beim Gewinn verzeichnen. Enttäuschende Schätzungen in der jüngsten Vergangenheit deuten nun aber darauf hin, dass die Studios vielleicht ihre bisherigen Geschäfte unterwandert haben, weil sie sich zu stark auf kurzfristige Zugewinne durch die Vergabe von Lizenzen konzentriert hatten.

Die absolute Zuschauerzahl hat im dritten Quartal einen "plötzlichen, beispiellosen Absturz" hingelegt. Im Jahresvergleich ging es um etwa 10 Prozent nach unten, heißt es von Sanford C. Bernstein. Bei Primetime-Zuschauern im Alter zwischen 18 und 49 Jahren, war ein Minus von 9 Prozent zu verzeichnen. Diese Zielgruppe ist besonders begehrt.

Obwohl es auch andere Formen nicht beachteten Sehverhaltens gibt, kommt Bernstein zu dem Ergebnis, dass Online-Streaming die Hauptursache für diese Abnahmen ist. Daten von Nielsen zeigen, dass man bei DVRs und Video-on-demand ein Plus von 15 Prozent im ersten Halbjahr 2014 verzeichnen konnte. Ein Großteil davon sollte allerdings in die Messungen einfließen, bei denen die Zahl der Zuschauer zum originären Sendetermin sowie an den darauffolgenden drei Tagen ausgewertet wird.

20 Prozent weniger TV

Tatsächlich kam Nielsen zu dem Ergebnis, dass Streamingdienst-Abonnenten zwischen 18 und 34 Jahren 20 Prozent weniger TV sehen als vor dem Abschluss des Vertrages. Bei den 25- bis 54-Jährigen war es ein Minus von 19 Prozent, berichtete das Wall Street Journal vergangene Woche.

Um es noch deutlicher zu sagen: Videoplattformen wie Netflix scheinen werbefinanzierte Angebote zu ersetzen und werden damit zur Gefahr für Milliarden an TV-Werbeerlösen und Erlösen durch den anschließenden Verkauf von Rechten. Es könnte sogar sein, dass sich der Trend noch verschlimmert. Man braucht nur einen Blick auf das Wachstum von Netflix zu werfen: Im dritten Quartal konnte das Unternehmen seine Zahl an US-Abonnenten um fast 20 Prozent im Jahresvergleich erhöhen.

Fokus verlagert sich auf Streaminganbieter

Sollten auch die neuen Messwerte darauf hindeuten, dass sich der Fokus auf Streaminganbieter verlagert, dann wären die großen Medienkonzerne vermutlich am besten damit beraten, ihre Inhalte komplett von diesen Seiten zu nehmen. Gut möglich allerdings, dass es dafür bereits zu spät ist. Es könnte sich als extrem kompliziert erweisen, sollten sich die großen Eigentümer der Inhalte für eine Abkehr vom Lizenzmodell entscheiden. Einerseits würden sie dadurch Millionen an Erlösen aufgeben, andererseits wäre da immer die Gefahr, dass nicht alle mitziehen.

Die großen Networks könnten auch versuchen, die neuen Informationen dafür zu verwenden, mehr Geld von Netflix, Amazon und Co. zu bekommen. Wie viel ist jedoch unklar. Netflix hat erklärt, dass man auf einen Deal verzichten würde, sollte sich dieser als unrentabel erweisen.

Medienkonzerne in einer Zwickmühle

Tatsächlich scheinen die Medienkonzerne in einer Zwickmühle zu stecken. Am Ende könnten sie gezwungen sein, nicht weniger sondern noch mehr an die Streaming-Anbieter zu lizenzieren, um damit einen weiteren Rückgang bei den Werbeerlösen aufzufangen. Darum könnte sich jeder Lichtschein, der auf die neuen Zahlen von Nielsen fällt, schnell als unwillkommener Glanz herausstellen. ( MIRIAM GOTTFRIED, WSJ.de/derStandard.at, 21.11. 2014)

  • House of Cards -  das Aushängeschild von Netflix.
    foto: netflix

    House of Cards - das Aushängeschild von Netflix.

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