AHS-Lehrervertreter will keine "kognitiven Mastschweine"

21. November 2014, 17:59
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Gewerkschafter Quin kritisiert Gesamtschulmodell der Industrie, weil es aus Jugendlichen "unkritische Produktionsfaktoren" machen wolle

Wien - Eckehard Quin ist nicht nur Vorsitzender der AHS-Lehrergewerkschaft, er ist auch Historiker, und als solcher wird er hellhörig, wenn Rufe nach einer "Revolution" laut werden. Zumal, wenn just der Präsident der Industriellenvereinigung Umwälzungswünsche hegt. Das tat IV-Chef Georg Kapsch in dieser Woche, als er ein Bildungskonzept vorlegte, das eine ganztägige, gemeinsame Schule aller Kinder bis 14 Jahren mit einer Öffnungszeit von 7 bis 19 Uhr und einer Kernunterrichtszeit, beginnend mit einem Schulstartjahr ab fünf, vorsieht. Österreich brauche "eine Revolution im Bildungssystem", sagte Kapsch. "Wir wollen etwas ganz Neues schaffen."

Nicht neu und wenig Bildung

Dieser "Revolutionsplan" stößt bei Christgewerkschafter Quin auf leidenschaftliche Ablehnung. Im derStandard.at-Gespräch sagt er: "Die Aufgabe der Industriellenvereinigung ist es, die Interessen von Großindustriellen zu vertreten, und genau das tut die IV mit ihrem 'neuen Bildungskonzept', an dem nichts neu ist und das wenig mit Bildung zu tun hat." Das Ziel der IV-Pläne sei schlicht eine Gesamtschule, "in die ein fünfjähriges Kind aufgenommen, in der es den Eltern mehr oder weniger täglich zwischen 7 und 19 Uhr abgenommen und aus der ein 14-jähriger Schüler entlassen wird, der über gewisse Mindestqualifikationen und -kompetenzen verfügt".

"Sieben Fliegen auf einen Streich"

Quin erinnert der bildungspolitisch aktive Industrielle damit an das "tapfere Schneiderlein", oder, wie er sagt, er sehe eher "des Großschneiders Revolution", der damit "sieben Fliegen auf einen Streich erledigt". Demnach würden Eltern mit diesem Schulmodell dem Arbeitsmarkt uneingeschränkt und "ungestört vom 'Belastungsfaktor' Kind" zur Verfügung stehen und "nur noch für die Kleinkindphase zuständig" sein. Danach forme der Staat die Jugend so, "dass sie uneingeschränkt und unkritisch als 'Produktionsfaktor' dient". Das aber, sagt Quin, "hatten wir in der Geschichte schon öfter - und es hat noch nie zur Stärkung von Demokratie und Menschenrechten geführt, um es ganz vorsichtig auszudrücken".

"Kognitive Mastschweine"

Quin fürchtet auch, dass mit der 5-bis-14-Gesamtschule Kinder zu dem werden, was der deutsche Mathematikdidaktiker Wolfram Meyerhöfer "kognitive Mastschweine" nennt. Fliege Nummer vier wäre dann, dass die "IV-Schule" zwar auf einem Mindestniveau "ausbildet, aber nicht bildet", warnt Quin. "Der Nützlichkeitsaspekt steht im Vordergrund. Die Kultivierung und Persönlichkeitsbildung ist nur insofern relevant, als sie dem Nützlichkeitsziel dient."

Generell fürchtet Quin, dass "das humanistische Bildungskonzept entsorgt wird, da es prinzipiell subversiv ist" und, mit Immanuel Kant gesprochen, die aufklärerische Befreiung des Menschen aus der Unmündigkeit will – "und das geziemt sich für einen 'Produktionsfaktor' nun wirklich nicht", meint Quin.

Bildungsmarkt für Reiche

Punkt beziehungsweise "Fliege" Nummer sechs, die Quin anführt gegen die IV-Bildungspläne, lautete: "Für die – ökonomische – Oberschicht ist das alles kein Problem. Sündteure Privatschulen bieten für die Kinder der Großindustriellen neben Qualifizierung auch Bildung."

Schließlich, so schlussfolgert der oberste AHS-Lehrergewerkschafter, seien die angesprochenen Folgen einer solchen radikalen Bildungswende "für Kapsch & Co eine riesige wirtschaftliche Chance, denn der Bildungsmarkt, ob er nun teure Privatschulen oder teure Nachhilfeinstitute anbietet, ist ein Wachstumsmarkt mit höchsten Renditen".

Und das führt Quin dann wieder zu den industriellen Revolutionsgelüsten, die ihn an ein dem australischen Politiker John Carrick zugeschriebenes Zitat denken lassen. Dieser beschrieb die Revolution als "das Feuer, an dem die einen verbrennen und die anderen ihre Suppe kochen". (Lisa Nimmervoll, derStandard.at, 21.11.2014)

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