Psychologin: "Jihadisten und Salafisten sind paranoid"

Interview21. November 2014, 05:30
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Ob Jihadisten ein gemeinsames Profil haben, beantwortet Asma Guénifi von der Französischen Vereinigung von Terroropfern

STANDARD: Sind Jihadisten das, was man gemeinhin als "verrückt" bezeichnen würde?

Guénifi: Jihadisten und Salafisten sind paranoid, sie fühlen sich verfolgt und glauben, dass sie und ihre Gemeinschaft in Gefahr seien und verteidigt werden müssten. Das rührt daher, dass sie die Gewalt in ihnen selbst nach außen projizieren. Sie sehen also überall äußere Gefahren und Feinde. Das ist eine direkte Folge der salafistischen Indoktrinierung.

STANDARD: Wie meinen Sie das?

Guénifi: Der Jihad hat seinen Ursprung im Salafismus, der ein extrem simples Weltbild vertritt: Ich selbst bin rein und fromm (halal), der andere ist schmutzig und schlecht (haram). Wobei der andere auch die Frau ist: Sie gilt generell als unrein, wie auch freier Sex. Viele Jugendliche, die nie eine Koran-Sure lesen würden, aber auf der Suche nach Halt sind und zum Islam übertreten, können mit diesem einfachen Denkmuster etwas anfangen. Deshalb verbreitet sich der Salafismus in Pariser Vorstädten, aber auch Gefängnissen immer mehr.

STANDARD: Warum diese Fixierung auf die Reinheit?

Guénifi: Dahinter steht die Suche nach der absoluten Wahrheit, dem Ideal, auch dem Paradies. Das trägt alles die Züge einer Zwangsneurose. Mit tragischen Folgen: Die Jihadisten sehen den anderen als so unrein an, dass sie sich das Recht zubilligen, ihn zu eliminieren.

STANDARD: Eine Anmaßung ...

Guénifi: ... die so extrem ist wie ihre psychologische Fragilität. Salafisten und Jihadisten leben nach meinen Studien mit einem vierfachen Manko. Das wichtigste sind die affektiven Mängel in der Familie. Dazu kommt die Absenz elterlicher Autorität oder ein Übermaß davon. Bezeichnend ist auch ein kulturelles oder Bildungsdefizit sowie eine totale Verkennung der religiösen Idee. Für diese Jugendlichen übernimmt die Religion, das heißt Gott, den Platz der Autorität, oder im Freud' schen Sinn des Vaters.

STANDARD: Wenn sie nichts mit Religion am Hut haben, warum ziehen sie dann in den Heiligen Krieg?

Guénifi: Sie fühlen sich von der Gewalt angezogen, und in ihrer psychischen Schwäche identifizieren sie sich mit den Starken, den Gewalttätigen, den Henkern. Das gibt ihnen das - falsche - Gefühl, einer Gruppe oder Familie anzugehören. In Frankreich verfallen viele Kleinkriminelle den Salafisten, wenn diese in Gefängnissen missionieren. Dabei verwenden die Salafisten den Diskurs der Bandenchefs, die sagen, sie seien eine verschworene Familie.

STANDARD: Und offenbar glauben das viele.

Guénifi: Ich sage es ungern, doch die salafistischen Anwerber sind ausgezeichnete Psychologen, sie kennen die Schwächen der Jugendlichen. Ihre Arbeit wirkt oft schnell; sie geben den Jugendlichen keine langatmigen Bücher zu lesen, sondern zeigen ihnen Videos von ermordeten Irakern und sagen, sie würden verfolgt wie Muslime in Frankreich.

STANDARD: Aus Frankreich reisen auch viele Mädchen in den Jihad. Wirken gleiche Denkschemata?

Guénifi: Durchaus. Ich kenne den Fall einer 14-jährigen Muslimin, die vergewaltigt worden war und sich nicht traute, mit den Eltern zu sprechen. Im Internet sagte ihr ein salafistischer Anwerber, sie habe dadurch viel Schuld auf sich geladen und müsse in den Jihad, um Vergebung zu erhalten. Wenn sie sterbe, könne sie 60 Personen ins Paradies mitnehmen. Da haben Sie alle Zutaten: Gewalt, Schuldgefühle, Indoktrinierung.

STANDARD: Warum diese Hinrichtungsvideos?

Guénifi: Jihadisten lieben die Theatralisierung. Wenn die Medien die Gewaltakte ausstrahlen, glorifiziert sie das. Man darf nicht vergessen, dass sich die Videos auch an potenzielle Mitkämpfer im Westen richten - jene, die von roher Gewalt fasziniert sind.

STANDARD: Wie lassen sich Jungkonvertiten und andere vom Jihad abbringen?

Guénifi: Auch wenn die Salafisten meist ein lupenreines Bild paranoider Störung haben, lässt sich nie vorhersagen, wer nach Syrien oder in den Irak reisen wird. Die meisten bleiben hier; für einige genügt ein kleiner Kick, um abzugleiten. Wirkungsvoll ist eine Zusammenarbeit von Erziehern, Soziologen, Politikern und Psychologen. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, 21.11.2014)

Asma Guénifi (38), Franko-Algerierin, ist klinische Psychologin und Psychoanalytikerin. Sie verlor ihren Bruder durch einen Mordanschlag algerischer Islamisten und hat in letzter Zeit mehrere Salafisten interviewt, die zum Teil in den Jihad reisen wollten.

  • Ein muslimischer Mann in Frankreich, der ein Schild mit den Worten "Nicht in meinem Namen" aus Protest gegen ein Enthauptungsvideo der IS-Terrormiliz hochhält.
    foto: reuters/stephane mahe

    Ein muslimischer Mann in Frankreich, der ein Schild mit den Worten "Nicht in meinem Namen" aus Protest gegen ein Enthauptungsvideo der IS-Terrormiliz hochhält.

  • Asma Guénfi beschäftigte sich in letzter Zeit mit Salafisten, die zum Teil in den Jihad reisen wollten.
    foto: zvg

    Asma Guénfi beschäftigte sich in letzter Zeit mit Salafisten, die zum Teil in den Jihad reisen wollten.

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