Erdogan will Muslime mehr Selbstbewusstsein lehren

21. November 2014, 05:30
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Mit der Debatte über die angeblichen muslimischen Entdecker Amerikas schwingt sich der türkische Präsident zum Retter der islamischen Welt auf

Er ist gerade 90 geworden und die neue Wunderwaffe des türkischen Staatschefs Tayyip Erdogan: der deutsch-türkische Orientalist Fuat Sezgin. Dieser Tage saß der emeritierte Professor der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt auf dem Podium mit Bilal Erdogan, dem jüngeren Sohn des Präsidenten, und verteidigte die Theorie, von der Erdogan Vater nun nicht mehr ablassen will: Muslimische Seefahrer haben Amerika entdeckt - lange vor Christoph Kolumbus.

"Ich habe das geschrieben", bestätigte Sezgin, "aber bis heute ist von meinem Volk keine einzige Stimme gekommen." Alles sei richtig in seinem Buch, versicherte der alte Herr. Und hätte es schon vor 30 Jahren dieses Aufsehen gegeben, wäre die Türkei ein ganz anderes Land geworden.

Erdogan will "objektive Geschichtsschreibung"

Das ist Wasser auf die Mühlen von Tayyip Erdogan. Seit der fromme Staatschef am vergangenen Wochenende in einer Rede dem Abendland eine der bedeutendsten Entdeckungen der Neuzeit streitig machte, verfolgt die türkische Öffentlichkeit halb amüsiert, halb stolz die anschwellende Kulturdebatte. Mehr Selbstbewusstsein verlangt Erdogan von den Türken und den Muslimen überhaupt. "Als Präsident meines Landes kann ich nicht akzeptieren, dass unsere Zivilisation unter der anderer Zivilisationen steht", sagte er bei einer Rede zur Eröffnung eines der islamischen Gymnasien, die sich nun rasch im Land ausbreiten. Eine objektive Geschichtsschreibung werde den Beitrag des Nahen und Mittleren Ostens und des Islams für die Wissenschaft und die Künste zeigen. Das türkische Bildungsministerium und die Hochschulbehörde YÖK trügen dafür die Verantwortung, sagte der Präsident und signalisierte damit eine Änderung der Lehrpläne.

Die Kolumbus-Debatte, die Erdogan nun lostrat, steht allerdings nicht für sich allein. Der Staatspräsident ernannte dieser Tage auch 14 neue Universitätsrektoren sowie einen neuen Leiter für die wegen ihres Einflusses umstrittene YÖK.

"Selfies" für Muslime "unanständig"

Sie alle stehen der regierenden konservativ-islamischen Partei AKP nahe, heißt es. Der neue YÖK-Chef Yekta Sarac ist zudem der Bruder von Fatih Sarac, einem Medienkonzernmanager, den Erdogan 2013 in einem geheim mitgeschnittenen Telefongespräch wegen missliebiger Berichterstattung über die Gezi-Proteste gerügt hatte; Erdogan begann das Gespräch mit "Hallo Fatih", was in der Türkei zu einem geflügelten Wort für Zensur geworden ist.

Der konservativ-islamische Wind, der mit Erdogan als auftrumpfendem Staatschef durch die Türkei bläst, lässt sich auch anderswo an kleinen Details ablesen. Selbstporträts, mit Mobiltelefonen gemacht, sind "unanständig" für Muslime, heißt es in einem Beitrag der Monatszeitschrift der staatlichen Religionsbehörde. Gläubige Männer und Frauen sollten sich mit nützlicheren Dingen als mit "Selfies" beschäftigen und nicht ihre Privatsphäre im Internet ausbreiten.

Keine Geschlechtsteile in Schulbuch

Aus einem Schulbuch für die sechste Klasse hat das türkische Bildungsministerium schematische Abbildungen menschlicher Geschlechtsteile entfernen lassen. Die neue Buchseite zeigt unter dem Titel "Fortpflanzung bei Pflanzen und Tieren" Fotos einer Mutter mit ihrem Baby, von Eisbären, Delfinen und Gemüse in einem Beet.

Die Kolumbus-Debatte erfüllt dafür aber vielleicht auch einen praktischen Zweck. Devlet Bahçeli, der Chef der Rechtsnationalisten, sprach aus, was nicht wenige im Land denken: Erdogan versucht wohl, politische Probleme in den Hintergrund zu drängen – die Mitverantwortung für die Islamistenarmee in Syrien und im Irak; die strittigen Gespräche mit der PKK; die Arbeitslosenrate, die nun bei zehn Prozent liegt. (Markus Bernath aus Istanbul, DER STANDARD, 21.11.2014)

  • Tayyip Erdogan.
    foto: reuters/ints kalnins

    Tayyip Erdogan.

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