Erpressungsprozess in Wien: Frau Bacardi und der Arbeitslose

20. November 2014, 15:25
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Ein 57-Jähriger soll eine Millionenerbin, eine langjährige Bekannte, mittels Drohungen erpresst haben. Jetzt schämt er sich dafür

Wien - Dass eine Zeugin hinter Regenschirmen verborgen durch die Gänge eilt und mit gleich drei Leibwächtern den Verhandlungssaal betritt, ist im Straflandesgericht Wien ein – gelinde gesagt – seltener Anblick. Am Donnerstag war es beim Prozess wegen schwerer Erpressung gegen Raphael A. so weit.

Die öffentlichkeitsscheue und verängstigte Zeugin ist nämlich das Opfer des geständigen Angeklagten: Monika Gomez del Campo Bacardi, Witwe eines Mitglieds der Rumdestillateursfamilie. 110.000 Euro wollte der 57-Jährige A. von der 54-Jährigen haben, untermauert mit bedrohlichen Mails und Telefonanrufen, wirft ihm Staatsanwalt Bernd Schneider vor.

Das Verfahren bietet einen Einblick in die Welt der Reichen und Schönen. Cocktails auf monegassischen Terrassen kommen unter anderem vor, Bälle in Kitzbühel und besorgte Anrufe von Joan Collins.

Angeklagter im Blitzlichtgewitter

Der von Christian Werner und Martin Mahrer vertretene A. stellt sich freundlich lächelnd dem Blitzlichtgewitter, als er vor den Schöffensenat unter Vorsitz von Stefan Romstorfer tritt.

Bei Romstorfers anfänglicher Frage nach seinem Beruf antwortet der Angeklagte: "Na ja, ich habe immer Vermittlungsgeschäfte mit Regierungen und großen Firmen gemacht." – "Ich habe hier 'ohne Beschäftigung' stehen", wundert sich Romstorfer. "Na ja, derzeit versuche ich den Prototyp eines Wagens zu vermarkten", weicht A. noch aus, ehe er zugibt, zurzeit von 800 Euro Sozialhilfe zu leben.

Seine finanzielle Lage war schon einmal besser: Vor über 20 Jahren lernte er in Monaco Bacardi kennen. Die damals laut ihm "ein hübsches, nettes Mädchen war, immer ein guter Beitrag zur Gesellschaft".

Der Kontakt verlief sich, bis man einander im Jahr 2009 auf dem Jägerball in Kitzbühel wieder traf. A. sagt, Bacardi habe ihm dort 10.000 Euro für eine Generalsanierung seines Gebisses angeboten, sie sagt, er habe sie darum gebeten.

10.000 Euro als kleine Hilfe

Das Geld bekam er jedenfalls, zu Recht, findet er: "Natürlich nehme ich von ihr eine kleine Hilfe an", demonstriert er, wie unterschiedlich Geldbeträge in verschiedenen Gesellschaftsschichten bewertet werden.

Allerdings wollte er in der Folge immer mehr Geld, behauptete, sie habe Schulden bei ihm. Das Geld brauchte er für Verteidiger: Er war nämlich in Italien in Abwesenheit wegen eines Drogendelikts zu 17 Jahren Haft und drei Jahren Verwahrung verurteilt worden – eine Entscheidung, die die heimische Justiz nicht anerkennt.

Es soll bei dem Verfahren auch um Mafiakontakte gegangen sein, wie Bacardi später erfuhr. Über einen Zeitraum von fünf Jahren schenkte oder verlieh sie ihm mehr als 80.000 Euro, 2013 ging sie auf die Wünsche nicht mehr ein.

Das dreckige Dutzend

Worauf die Drohungen begannen: Von "Drecksschlampe" war die Rede, dass er wisse, wo ihre Tochter zur Schule gehe, einem "dreckigen Dutzend", dass sie "Besuch bekommen werde".

Vor Gericht schämt er sich dafür: "Das ist unterste Schublade, aber so bin ich gar nicht. Ich verkehre in Botschaftskreisen und der Gesellschaft", versucht er abzuwiegeln. "Aber ich bin noch nie gewalttätig geworden oder habe etwas mit Verbrechern zu tun."

Bacardi begründet dagegen ihre Furcht ab Herbst 2013: "Sein Ton hat sich geändert", sagt sie. Und als sie von A.s angeblichen Mafiakontakten erfuhr, habe sie es richtig mit der Angst zu tun bekommen.

Empört ist sie aber auch über die Behauptungen des Angeklagten, er habe sie mit Herrn Bacardi verkuppelt. "Das hat mich persönlich verletzt, ich werde als kleine Tipperin dargestellt", sagt sie. Selbst ihre gute Bekannte Joan Collins habe sie darauf angesprochen.

Assistentin für Bacardi

Dabei sei der Kontakt 1997 entstanden, als sie eine Woche als Assistentin für Bacardi gearbeitet habe. Ihre Aufgaben unter anderem: im Hotel dafür zu sorgen, dass ein bestimmter Rasierschaum vorrätig ist, und Autos für einen Jackettkauf zu organisieren.

Auch heute noch habe sie Angst und Schlafstörungen, daher will sie auch in Abwesenheit des Angeklagten vernommen werden. Ihr Anwalt will als Privatbeteiligtenvertreter Geld für die psychische Belastung: "Nachdem es hier nicht ums Geld geht, sondern dass der Kontakt aufhört ...", beginnt er. "100 Euro?", schlägt Romstorfer einen symbolischen Betrag vor. "Na ja, eigentlich haben wir an 1.000 gedacht, aber Sie haben mich überzeugt."

A. beteuert, mittlerweile Bacardis Nummern aus seinem Telefon gelöscht und seit April keinen Kontakt mehr mit seinem Opfer gehabt zu haben. Die 100 Euro will er gerne bezahlen.

Nach kurzer Beratung verkündet der Vorsitzende das nicht rechtskräftige Urteil: 21 Monate Haft, davon sieben unbedingt. Da A. schon drei Monate in Untersuchungshaft sitzt, besteht die Chance, dass er noch vor Weihnachten bedingt entlassen wird. (Michael Möseneder, derStandard.at, 20.11.2014)

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