"Far Cry 4" im Test: Spielplatz für Freizeit-Rambos

Rezension20. November 2014, 11:00
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Der vierte Teil der Shooter-Serie unterhält vielseitig, ohne zu überraschen

In der Wildnis werden Überlebensinstinkte wach. Wie komme ich an Nahrung? Wie schütze ich mich vor der Kälte? Habe ich gegen einen Puma eine Chance? Nun, wenngleich die Serie "Far Cry" dafür bekannt ist, Spieler in entlegenen Regionen ihrem Schicksal zu überlassen, muss man sich auch in der jüngsten Fortsetzung über derartig niedere Instinkte keine Gedanken machen.

In "Far Cry 4" reisen Spieler in das bitterkalte Himalaya-Gebirge, um einem soziopathischen Machthaber einzuheizen. Eine haarsträubende Kulisse für einen erwartungsgemäß vielseitig unterhaltenden Spielplatz für Freizeit-Rambos.

Heimreise

In den Schuhen des amerikanischen Protagonisten Ajay Ghale, der die Asche seiner Mutter in deren Heimat Kyrat, eine fiktive Himalaya-Region, zurückbringen muss, wird man im Handumdrehen zum Jäger, Krieger, Piloten und Sowieso-Superhelden. In einen Bürgerkrieg zwischen dem Tyrannen Pagan Min und der Rebellenarmee The Golden Path gestürzt, die von Ghales Mama mitbegründet wurde, gilt es nicht weniger, als den politischen Umschwung herbeizuführen.

Wie Ghale als scheinbarer Durchschnittsbürger dazu imstande ist, sollte man nicht hinterfragen. Genauso wenig wie das interpretationswürdige Setting. All dies ist bloß Kulisse für einen gigantischen Spielplatz für Erwachsene. Mit der nächstbesten AK-47 in der Hand darf man die Berge, Seen, Wälder und Täler Kyrats frei erkunden und sich bestärkt von austauschbaren Mitstreitern am Widerstandskampf beteiligen.

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Ausgeklügelter Spielplatz

Quer über die Karte verstreut, findet man neben den handlungsentscheidenden Missionen dutzende Aufgaben von dankbaren Bewohnern. Es gilt entführte Familienmitglieder zu befreien, feindliche Kommandanten zu ermorden oder ein Wolfsrudel in die Flucht zu schlagen. Wie und mit welchen Mitteln, steht ebenso frei.

Die Entwickler bedienen sich dabei eines Spielkonzepts, das Ubisoft nun seit einigen Jahren schon all seinen großen Franchises als Fundament unterschiebt. Die offene, aber zunächst verschleierte Spielwelt muss durch die Einnahme von Kommunikationstürmen und gegnerischen Außenposten aufgedeckt und ausgeweitet werden.

Was "Far Cry 4" aber besser macht als etwa Ubisofts aktuelle "Assassin's Creed"-Teile, ist, die kontinuierliche Motivation des Spielers, nicht nur mehr entdecken zu wollen, sondern auch neue Strategien auszuprobieren. Bei der Stürmung eines Truppenlagers schaltet man je nach Lust und Laune Wachposten lautlos aus, marschiert mit feuerkräftiger Unterstützung durch das Haupttor oder hetzt mit geschickt geworfenen Ködern Raubtiere auf die Soldaten. Jede die- ser Spielweisen funktioniert und macht Spaß.

Entdeckerdrang

Gleiches gilt für die Besorgung neuer Werkzeuge und die Freischaltung von Fähigkeiten. Schon bald macht man sich auf die Jagd nach exotischen Tieren und deren Fellen, um aus Yak, Wildschwein oder Rhinozeros größere Taschen und Gürtel für Beute, Gewehre, Geld oder Sprengstoff zu nähen. Im Gestrüpp lauernd, mit dem Bogen im Anschlag, fühlt man sich im Nu wie ein Survival-König und wird durch herabstürzende Greifadler und hinterlistig angreifende Wildkatzen oder übermächtige Hippos wieder auf den Boden der Nahrungskette geworfen. Zur Sicherheit hat man deshalb besser immer eine Handgranate dabei.

Durch erfolgreiche Missionen erhält man Erfahrungspunkte und kann diese zum Erlernen nützlicher Fertigkeiten wie Überraschungsangriffe von oben, den Spritzenbau zur Heilung oder drogeninduzierten Zeitverlangsamung sowie eine dickere Haut gegen fliegendes Blei investieren. Hat man den Dreh heraus, weiß man die mannigfachen Ablenkungen und Zeitvertreibe dieser Gebirgslandschaft umso mehr zu schätzen. Auf dem Rücken eines Elefanten reitend räumt man Besetzer einer Farm aus dem Weg, hilft tapfer Wanderern aus der Klemme, gleitet mit dem Wingsuit ins Feindgebiet oder sichtet vom Minihubschrauber aus die Lage.

Geteilte Freude

Geteilt wird die Freude am Chaos von einem Online-Partner, den man jederzeit zu sich holen kann, sofern man sich nicht in einer Mission befindet. Für größere Herausforderungen gibt es spezielle Koop-Einsätze zur Zerschlagung feindlicher Festungen. Die besten Momente erlebt man, wenn sich individuelle Taktiken ergänzen.

Die Bemühungen, einen Sandkasten für Freizeit-Rambos zu kreieren, gehen auch in kompetitiven Bewerben auf. Denkbar uninspiriert ist zwar die kleine Auswahl der Modi, doch im Team gegen schleichende Waldjäger oder umgekehrt mit Pfeilen gegen rabiate Soldaten zu kämpfen ist ein willkommener Ausgleich zu den schnelleren Gefechten der Genreplatzhirsche "Call of Duty" und Co.

Willenloser Tiger

Bei allem Gefallen an der inszenierten Anarchie lässt sich nicht darüber hinwegsehen, dass es den Schöpfern nicht gelungen ist, den Aufruhr dieses fantastisch umgesetzten Gebirgsparadieses in einen glaubwürdigen Kontext zu setzen. Ghales Charakter dient Spielern als willenlose Hülle, frei von zweifelnder Persönlichkeit. Der unangefochtene, aber viel zu selten in Erscheinung tretende Star des Terrors ist der soziopathische Machthaber Min. Dessen comichaft kranke Darstellung verleiht dem Konflikt fast satirische Züge, die aber wiederum nicht zu dem ernst geschilderten Leid der Unterdrückten passen.

Die technische Umsetzung ist zumindest bei der getesteten PS4-Version überaus gelungen. Die abwechslungsreichen Kulissen von den verschneiten Bergen bis hinunter zu den dicht bewachsenen Tälern und den von Tieren aufgesuchten Wasserstellen sind eine Augenweide. Nicht mehr ganz zeitgemäß ist allerdings der Umstand, dass die Verwüstung mit Kugelhagel und Granaten keine Schäden an der Natur (nicht einmal an der sensiblen Vegetation) hinterlassen. Lediglich vorgesehene Kisten und Holzwerk geben den Kräften nach. PC und PS3-Spieler berichten unterdessen von diversen Problemen nach dem obligatorischen Day-One-Patch. Im Zuge der Rezension traten abseits vereinzelt verirrter Computergegner keine gravierenden Fehler auf.

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Sandkasten

Die narrativen Mängel zwingen einen dazu, in den Weiten dieses Themenparks für Söldner seine persönliche Spielgeschichte zu schreiben. Abseits des Pfades warten mit den willkürlich auftretenden Ereignissen oder nicht zuletzt den spirituellen Auswüchsen Shangri-Las vielleicht sogar die besten Augenblicke auf einen.

Für viele wird die nicht ganz konsequente Erweiterung durch kooperative Abenteuer die entscheidende Neuerung sein. Mit einem stärkeren Protagonisten und mehr erzählerischem Mut hätte sich "Far Cry 4" leichter von seinem Vorgänger abgehoben. So ist es mehr vom guten Gleichen und statt der Meeresbrise eine absehbar erfrischende Höhenluft. (Zsolt Wilhelm, derStandard.at, 20.11.2014)

"Far Cry 4" ist für PC, PlayStation 4, PlayStation 3, Xbox One und Xbox 360 erschienen. PEGI: Ab 18 Jahren UVP: Ab 59 Euro

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Das Testmuster für PS4 wurde von Ubisoft zur Verfügung gestellt.

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Far Cry 4

  • Machthaber Pagan Min ist der soziopathische Star des virtuellen Höllenritts. "Far Cry 4" ist für PC, PlayStation 4, PlayStation 3, Xbox One und Xbox 360 erschienen. PEGI: Ab 18 Jahren UVP: Ab 59 Euro
    foto: far cry 4

    Machthaber Pagan Min ist der soziopathische Star des virtuellen Höllenritts. "Far Cry 4" ist für PC, PlayStation 4, PlayStation 3, Xbox One und Xbox 360 erschienen. PEGI: Ab 18 Jahren UVP: Ab 59 Euro

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