"Spiegel"-Journalist Würger gewinnt mit Ukraine-Artikel "Writing for CEE 2014"

20. November 2014, 08:55
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Reportage über Bewacher einer Lenin-Statue in ukrainischer Provinzstadt ausgezeichnet

Wien - Ein Reporter des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hat den Journalistenpreis "Writing for CEE 2014" erhalten. Takis Würger bekam die mit 5.000 Euro dotierte Auszeichnung am Mittwochabend in Wien für eine Reportage aus Illitschiwsk, einer Provinzstadt im Süden der Ukraine. Anhand des Kampfs um eine Lenin-Statue veranschaulichte er darin die Gespaltenheit des Landes.

"Takis Würger hat nicht nur einen in Aufbau, Stil und Sprache perfekten Text abgeliefert", begründete die Journalistin Cornelia Vospernik in der Laudatio die Preisvergabe stellvertretend für die Jury. "Er hat vor allem das getan, was zu den wichtigsten Aufgaben von uns Journalisten gehört: das Große durch das Kleine begreifbar zu machen."

Würgers Text beginnt mit einem Gerücht: Bewaffnete Männer aus der Westukraine seien auf dem Weg nach Illitschiwsk, um den sieben Meter großen goldenen Lenin abzureißen. Bewohner der Schwarzmeerstadt, wie die 21-jährige Kristina, versammelten sich daraufhin, um das Denkmal zu bewachen. "Die Wächter von Illitschiwsk" erlebten große Ungewissheit in diesen Tagen Anfang März. Sie stritten um die Zukunft des tiefgespaltenen Landes.

Acht Tage vor Ort

Der deutsche Journalist ließ radikale ukrainische Nationalisten ebenso zu Wort kommen wie Sowjetnostalgiker. Die russischsprachige Hauptprotagonistin Kristina ist weder pro-europäisch noch uneingeschränkt pro-russisch. Sie wünscht sich einen Kompromiss zwischen Ost und West: Lenin steht für sie für ein multinationales Miteinander.

Etwa acht Tage war Takis Würger gemeinsam mit dem Fotografen Fabian Weiß in der Ukraine unterwegs. "Fabian und ich haben einfach ein paar Tage bei der Statue verbracht, viel Tee getrunken und viel gerösteten Speck gegessen und gefroren", erzählte Würger der APA. "Das mache ich meistens so. Erst mal ein paar Tage rumhängen und still sein, damit die Leute die Angst verlieren." Nach einigen Tagen hätten sie "dann zur Familie gehört".

Während der ganzen Recherche habe er sich mit seinem Chef, dem Gesellschaftsressortleiter Ullrich Fichtner, abgesprochen, welchen Weg die Geschichte nehmen könnte. "Als Reporter fühle ich manchmal, als würde ich im Unterholz stecken, da ist es wichtig und schön, wenn man jemanden zuhause hat, der den Überblick behält", berichtete der 29-jährige, mehrfach ausgezeichnete Preisträger, der seit dem Alter von 24 beim "Spiegel" ist und derzeit eine dreijährige journalistische Pause einlegt, um in Cambridge Politische Philosophie zu studieren und ein Buch über das Boxen zu schreiben.

Auch der Ehrengast der Preisverleihung, Wladimir Kaminer, widmete sich der Ukraine. In einer Rede sprach der deutsch-russische Schriftsteller über die Ukraine-Politik Russlands. Präsident Wladimir Putin habe durch den Krieg das ehemalige "Bruderland" Ukraine gegen sich aufgebracht.

Der von APA und Unicredit Bank Austria jährlich verliehene Journalistenpreis wurde 2014 zum elften Mal vergeben. Er setzt sich das Ziel, die journalistische Auseinandersetzung mit Fragen der europäischen Integration zu fördern. Ausgezeichnet werden Beiträge, die Zentral- und Osteuropa (CEE) zum Thema haben, die dem gegenseitigen Verständnis dienen und Grenzen sowie Vorurteile überwinden. "Einreichungen aus 21 Ländern belegen deutlich, dass dieses Signal im gesamten CEE-Raum und darüber hinaus deutlich gehört wird", betonte APA-Chefredakteur Michael Lang.

Bisherige Preisträger waren der tschechische Journalist Lubos Palata (2004), die bulgarische Schriftstellerin Diana Ivanova (2005), der bosnische Journalist Sefik Dautbegovic (2006), der österreichische Schriftsteller Martin Leidenfrost (2007), die in Griechenland geborene und in Deutschland aufgewachsene Radiojournalistin Anna Koktsidou (2008), der österreichische Enthüllungsjournalist und Buchautor Florian Klenk (2009), die in Italien lebende bosniakische Autorin Azra Nuhefendic (2010), die slowenische Journalistin und Fotografin Meta Krese (2011) und der tschechische Journalist Martin Ehl (2012). 2013 wurden die französischen Journalisten Laurent Geslin und Sebastien Gobert für eine Reportage über die EU-Außengrenze zur Ukraine ausgezeichnet. (APA, 20.11.2014)

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