Abdullah-Zentrum: Eine große Dialogkonferenz über das Scheitern

Analyse19. November 2014, 17:38
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Das umstrittene Zentrum lud zur Konferenz darüber, wie religiöse und kulturelle Vielfalt im Nahen Osten geschützt werden kann; wenn es nicht zu spät ist.

Wien - Es ist offensichtlich, dass es auf einer Konferenz wie jener des Kaiciid (King Abdullah Bin Abdulaziz International Centre for Interreligious and Intercultural Dialogue), die sich am Dienstag hinter verschlossenen Türen und am Mittwoch medienöffentlich mit der "Gewalt im Namen der Religion" beschäftigte, verschiedene Ebenen der Wahrnehmung gibt: Was den einen zu wenig ist, ist für die anderen schon sehr viel. Den Vorwurf, dass die heißen Eisen nicht angegriffen werden - so sagte es die aus Palästina stammende evangelische Theologin Viola Raheb zum Standard, auch die Theologieprofessorin Susanne Heine wünschte sich "mehr Analyse" zum Phänomen des "Islamischen Staats" (IS) -, wiesen andere entschieden zurück.

Zum Beispiel Mohammed Abu-Nimer, Chefberater des Kaiciid und Professor in Washington: Er beteuerte, dass etwa die politischen Konflikte - die den Siegeszug der IS-Milizen in Syrien und dem Irak begünstigt haben - bei den internen Diskussionen deutlicher als erwartet angesprochen wurden. Und der sunnitisch-schiitische Konflikt: dass sich nicht wenige IS-Mitglieder in einem finalen Kampf mit der Schia sehen? Darauf wurde ein paar Mal "verwiesen", sagt Abu-Nimer, in "kodierter" Sprache. Ein Sprecher nannte jedoch "Sunniten" und "Schiiten" beim Namen - und entschuldigte sich dafür.

Die Selbstkritik der Muslime

Aber die Selbstkritik der Muslime - die etwa der schiitische Geistliche Jawad al-Khoei aus Najaf einforderte - kam laut Abu-Nimer nicht zu kurz: "Wenn das die Religion des Propheten ist, dann will ich sie nicht", wurde ein hoher sunnitischer Geistlicher zitiert. Abu-Nimer: Ja, die Reden begännen stets mit der Feststellung, dass der Islam Frieden bedeute - aber dann käme auch stets das Eingeständnis des Scheiterns. Es reiche nicht zu sagen "Das ist nicht der Islam": Man müsse das auch beweisen, sagt Mohammed Sammak, Kaiciid-Vorstandsmitglied aus dem Libanon.

An ganz klaren Distanzierungen vom islamischen Extremismus, die in westlichen Gesellschaften immer wieder von Muslimen eingefordert werden, fehlte es tatsächlich nicht bei der Konferenz. Und auch wenn die Teilnehmerschaft sunnitisch-christlich dominiert war, so gab es doch die Szene von großer Symbolik, dass der Vertreter der irakischen Jesiden - die auch von vielen "normalen" Muslimen als "Teufelsanbeter" verunglimpft werden - auf einer gemeinsamen Bühne mit den hohen islamischen Würdenträgern standen. Sie waren in dieser Beziehung sehr deutlich: "Unsere Söhne und Töchter" nannte der irakische sunnitische Sheikh Mahmud Abdulaziz al-Ani die Opfer der IS. Der Hilfeschrei des Patriarchen der chaldäischen Kirche im Irak, Louis Raphael I., erschütterte die ganze Konferenz.

Ein Staat für gleiche Bürger

In einer Pressekonferenz der Kaiciid-Vorstandsmitglieder wurde auch organisatorische Selbstkritik geübt: Das Kaiciid sei noch jung; es werde lernen, schneller zu reagieren. Das Phänomen, dass das Kaiciid irgendwie nie in Wien angekommen zu sein scheint - Tarafa Baghajati von der österreichischen islamischen Glaubensgemeinschaft sagte zum Standard, es könnte auch "in Mexiko" stehen -, erklärte Abu-Nimer mit dem Versuch des Zentrums, sich in einer initialen Phase international zu positionieren.

Khoei, der Geistliche aus Najaf, zeigt sich "dankbar für die Gelegenheit" für den Dialog, in den eigenen Ländern könne er oft nicht stattfinden. Aber wichtig sei das, was nach so einer Konferenz passiere. Diese verabschiedete "Empfehlungen" für danach. Deren Botschaft ist hierorts selbstverständlich - ein Staat für gleiche Bürger -, aber andernorts, etwa in Saudi-Arabien, ziemlich kühn.

Die Ästhetik der Konferenz - nicht nur das Setting, sondern auch die Art der Moderation - war sehr amerikanisch. Dass trotzdem nicht alle die Vorbehalte dagegen, dass das Zentrum unter dem Namen des saudischen Königs läuft, überwinden können, liegt auf der Hand. Die Vizegeneralsekretärin des Kaiciid, Claudia Bandion-Ortner, hatte übrigens einen freien Tag. Ob sie vor den Medien oder die Konferenz vor ihr geschützt werden sollte, muss offenbleiben. (Gudrun Harrer, DER STANDARD, 20.11.2014)

  • Christliche und muslimische Amulette friedlich nebeneinander auf einem Markt in Damaskus. Die christliche Bevölkerung im Nahen Osten wurde in den vergangenen Jahren stark dezimiert.
    foto: epa/badawi

    Christliche und muslimische Amulette friedlich nebeneinander auf einem Markt in Damaskus. Die christliche Bevölkerung im Nahen Osten wurde in den vergangenen Jahren stark dezimiert.

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