Wer 100.000 Mal lügt

Kolumne19. November 2014, 17:12
112 Postings

Ein nicht zu unterschätzender Kollateralschaden steht den Auftraggebern noch bevor

Als "größten Internetskandal, seit Österreich online ist", bezeichnen Stefan Apfl und Sarah Kleiner ihre Enthüllungen in der aktuellen Ausgabe des Magazins Datum, und man ist geneigt, dieser Einschätzung zuzustimmen: Getarnt durch rund zehntausend Fake-Identitäten hat eine Wiener PR-Agentur mit dem im Geiste Orwells vorbildlichen "telling name" "Modern Mind Marketing" an die 100.000 Postings pro Jahr in verschiedenen Online-Foren gefälscht. Auftraggeber waren unter anderem die Großkonzerne ÖBB, Österreichische Lotterien, TUI oder Red Bull, aber auch Dienstleister mit randständigen Nischenangeboten wie beispielsweise die ÖVP Wien.

Zwischen vierzig und fünfzig freie Mitarbeiter waren dafür engagiert, sich Namen, Alter und Hobbys fiktiver Personen auszudenken, als welche sie dann die Werbebotschaften der Kunden zu verbreiten hatten. Dabei war es laut internem Konzept "wichtig, nicht den Anschein einer Werbeinformation zu erwecken". Um "glaubwürdig zu bleiben", waren sogar "Rechtschreibfehler erwünscht".

Das ist höchst professionell. Wer jemals das bizarre Vergnügen hatte, den Originalbrief eines der gängigen Kronen Zeitung-Leserbriefschreiber in Händen zu halten, wird dieses vermeintliche Authentizitätsindiz (besonders in Briefen zum Thema "die deutschsprachige Kultur ist dem Untergang geweiht") bestätigen können.

Die so ins Netz gestellten Schwindeleien waren nicht immer harmlos. "Wenn du einem Spielsüchtigen in einem Wettforum vorgelogen hast, dass du seit Jahren gut vom Onlinezocken lebst, dann schläfst du nicht so gut", berichtet eine ehemalige PR-Posterin. Hier lässt sich noch einwenden, dass Selbsterfahrungsberichte über regelmäßige Glücksspielgewinne an sich die gleiche Glaubwürdigkeit haben wie Erlebnisse von Entführungen durch Außerirdische oder Gesundheitstipps à la "bei Kopfschmerzen hilft ein Loch ins Knie bohren und Milch hineingießen".

Aber es soll auch Fälle von gekauftem Negative Campaigning geben. Und ein nicht zu unterschätzender Kollateralschaden steht den Auftraggebern noch bevor: Solange die gefälschten Postings nicht gelöscht sind - und davon kann derzeit keine Rede sein -, wird auch jeder ehrlich gemeinte Kommentar nicht geglaubt werden. Denn vielleicht gibt es ja real existierende Menschen, die sich noch nie über die ÖBB geärgert haben, ihren Urlaub nur bei TUI buchen, Red Bull trinken, weil es so gut schmeckt, oder die ÖVP Wien ... äh ... gut, man sollte dieses Gedankenexperiment auch nicht überstrapazieren.

Das von "Modern Mind Marketing" seinen Kunden versprochene "Online-Reputationsmanagement" könnte jedenfalls nach hinten losgehen, ganz abgesehen von möglichen rechtlichen Konsequenzen, die durch Klagen von Mitbewerbern der Auftraggeber ausgelöst werden könnten.

Immerhin verdanken wir dem Agentur-Chef Martin Kirchbaumer jetzt schon die kreativste Umdeutung des Jahres: Bei den bezahlten Fake-Postern handle es sich um "Onlinejournalisten", die "recherchieren und ihre Meinung äußern". So gesehen könnte man fortan Taxifahrer als "Car-Sharing-Aktivisten", Prostituierte als "egalitär-idealistische Promiskuitäts-Förderer" und Lügen als "Modern-Mind-Reality" betrachten. (Florian Scheuba, DER STANDARD, 20.11.2014)

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