Zähneputzen unter besonderen Umständen

Reportage24. November 2014, 16:58
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Im siebenten Semester müssen sich Zahnmediziner speziellen Patienten stellen. Das verpflichtende Praktikum soll Berührungsängste abbauen. Bezahlt werden weder sie noch die Ärzte, von denen sie lernen.

Wien - Der Geruch von Desinfektionsmittel und das ständige Surren des Bohrers füllen den Vormittag. Die Patienten werden mit Vornamen aufgerufen, dann liegen sie nebeneinander auf zwei Behandlungssesseln. Mund auf, reingelugt, Spritze - bitte im Wartezimmer Platz nehmen, bis die Betäubung wirkt. Nächster. Durch das Behandlungszimmer wuseln Menschen, die zwischendurch noch zum Röntgen müssen.

"Es ist ganz anders als bei meinem Zahnarzt", sagt Iris Hagenauer. Hier geht alles etwas schneller. Das Wartezimmer ist bis auf den letzten Sitz belegt. Hagenauer ist eine von vier Studierenden, die den Tag in der Neunerhaus-Zahnarztpraxis verbringen. Der Wiener Sozialverein für obdachlose Menschen gründete 2009 diese Praxis. Vier Vormittage pro Woche werden wohnungslose Menschen hier kostenlos versorgt. Keiner wird weggeschickt, egal, ob versichert oder nicht. Gesundheit gilt hier als wichtigster Schritt zum Wiedereinstieg in die Selbstständigkeit.

Pflichtpraktikum mit speziellen Patienten

Alexander Franz ist Koordinator des Seminars "Patienten mit besonderen Erfordernissen" auf der Zahnmedizin. Mit einem Team betreut er die Studierenden bei ihrem unbezahlten Pflichtpraktikum, das gemeinsam mit dem Department für Medizinische Aus- und Weiterbildung der Medizin-Uni Wien gestaltet wird. "Es ist gut, dass die Verpflichtung da ist", meint der Student Max Müller. Sonst hätte er keine soziale Einrichtung besucht.

Das eintägige Praktikum soll den Studierenden im siebenten Semester ein Gefühl für den Umgang mit speziellen Patienten näherbringen. "Die Studierenden sollen Patientengruppen kennenlernen, für die man einen bestimmten Zugang braucht", sagt Franz. Sie sollen an diesem Tag auch lernen, mit Menschen zu kommunizieren, mit denen sie weder deutsch noch englisch sprechen können.

"Welche Sprache sprichst du?", fragt die Sozialarbeiterin bei der Anmeldung. "Rumänisch", sagt der Wartende. Schnell wird eine andere Patientin gefunden, die als Übersetzerin fungiert.

Lernen durch Beobachtung

Im Behandlungszimmer setzt sich ein junges Mädchen. Ihr Milchzahn schmerzt: "Sollen wir ihn ziehen, er wackelt schon", fragt Elisabeth Mitterlechner, eine der ehrenamtlichen Neunerhaus-Ärzte. Große Augen, Kopfschütteln. "Er wird von selber rauskommen", beruhigt sie. "Die jungen Leute, die hier zusehen, sind zum Lernen hier. Sie sind deine künftigen Zahnärzte", sagt Mitterlechner dem Mädchen: "Heute sind sie auch ein Schutz für dich und passen auf, dass ich nichts falsch mache", scherzt sie. Das Mädchen entspannt sich langsam.

"Mehr als Zuschauen ist nicht drinnen", meint Hagenauer. Bis jetzt haben die Studierenden nur aneinander die Zahnhygiene geübt. Der Kontakt mit Menschen kommt im klinischen Praktikum. Plastikzähne und Gipsgebisse sind derzeit ihre Patienten.

Lückenfüller für Bewerbungsgespräch

Mit einer Füllung entlässt Mitterlechner das Mädchen. Sofort folgt eine Frau, ihr fehlt ein Eckzahn. Keine Pause für die Ärztin. "Da muss viel gemacht werden", zeigt Mitterlechner den Studierenden am Röntgenbild. Vorerst nur ein provisorischer Lückenfüller - für das Bewerbungsgespräch in einer Woche. Danach werden noch die Zähne geputzt. Mit Wasserstrahl und Luftdruck werden die Zwischenräume gesäubert.

Das passiert bei jedem Patienten. "Für viele ist es eine Überwindung, zu uns zu kommen. Egal, was wir behandeln, die Leute sollen mit einem guten Gefühl rausgehen, damit sie wiederkommen", sagt Mitterlechner. "Schön?", fragt die Frau die Studierenden und lächelt sie an. "Schön", antworten diese.

"Ich habe es mir schlimmer vorgestellt", sagt Müller. Er war anfangs skeptisch: "Wenn man Obdachlosigkeit hört, denkt man an Klischees. Bei den Menschen hier hätte ich nie erwartet, dass sie keine Wohnung haben." In der Praxis rücke die Medizin in den Hintergrund. "Die Patienten erzählen einem viel", sagt Müller und verteilt im Warteraum Zahnbürsten. "Etwa, wie es zu ihrer Wohnungslosigkeit kam." (Oona Kroisleitner, DER STANDARD, 20.11.2014)

  • Zurückhaltend beobachten die Studierenden den Vorgang in der Zahnarztpraxis des Neunerhauses. Bei ihrem Praktikum sollen sie den sozialen Umgang mit obdachlosen Patienten lernen.
    fischer

    Zurückhaltend beobachten die Studierenden den Vorgang in der Zahnarztpraxis des Neunerhauses. Bei ihrem Praktikum sollen sie den sozialen Umgang mit obdachlosen Patienten lernen.

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