Mythen der Hochschul-Debatte im Faktencheck

19. November 2014, 17:00
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Bei Diskussionen um die Unis sind Vorurteile schnell zur Hand - fünf Uni-Mythen und Fakten.

Wissenschaft hat keinen hohen Stellenwert. Glaubt man der Studie des Wissenschaftsministeriums aus dem Vorjahr, ist Wissenschaft den Österreichern sehr wohl wichtig: Unter den 1000 Befragten bekundeten 59 Prozent Interesse an Wissenschaft und Forschung, 45 Prozent bezeichneten sich gar als gut informiert.

Zu einem ganz anderen Schluss kam im gleichen Jahr eine EU-weite Studie. Im Eurobarometer gaben 52 Prozent der 1000 befragten Österreicher an, an Wissenschaft und Technologie weder interessiert noch darüber informiert zu sein - nur Bulgaren, Tschechen, Ungarn und Rumänen sind noch desinteressierter.

Alle Geisteswissenschafter werden Taxifahrer. Geistes- und Sozialwissenschafter müssen sich oft fragen lassen, was sie nach dem Abschluss machen werden. Geht es nach dem Arbeitsmarktservice (AMS), ist die Frage teilweise gerechtfertigt: Atypische Beschäftigungsverhältnisse sind bei Geisteswissenschaftern weitverbreitet - die Branchen variieren dabei: Laut AMS verschlägt es viele Absolventen in fachfremde Bereiche.

Personaler schätzen bei Geisteswissenschaftern vor allem Kommunikationsstärke, analytisches Denken, soziale und interkulturelle Kompetenz. Laut Absolventenstudien sind Geisteswissenschafter nur etwas länger auf Jobsuche - in welcher Branche sie landen, wird dabei nicht erhoben.

Österreich bildet viele ausländische Studierende aus, doch kaum jemand bleibt. Mit 25 Prozent ausländischen Studierenden liegt Österreich im internationalen Spitzenfeld. Für EU-Bürger gibt es keine genauen Zahlen, von den Studierenden aus Drittstaaten bleibt nur ein Bruchteil nach Abschluss: Nur 17 Prozent - im OECD-Schnitt sind es 25 Prozent.

Grund dafür dürfte auch die restriktive Rechtslage sein, bei der nun Vizekanzler Reinhold Mitterlehner (ÖVP) Änderungen durchsetzen will.

Im Diplomstudium war alles besser. Der Bologna-Prozess hat eines seiner Hauptziele verfehlt: die internationale Mobilität. Obwohl es nicht die Intention der Bologna-Architekten war, hat die Verschulung zugenommen. Bürokratische Hürden und Zeitdruck würden Studierende von einem Auslandssemester abhalten, sagen Zuständige. An der Uni Wien bleiben jährlich 1000 von 2500 Erasmus-Plätzen frei.

Positiv ist die Zunahme an Abschlüssen. 2012 gab es erstmals mehr Absolventen des neuen Bachelor- als solche des alten Diplomstudiums. Im letzten Studienjahr haben 37.312 Personen abgeschlossen: ein neuer Rekord. Zum Vergleich: Im Studienjahr 2005/06 gab es 21.930 Absolventen.

Schuld an der österreichischen Uni-Misere sind die Deutschen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der deutschen Studierenden in Österreich mehr als verdreifacht - die weitgehend offenen Hochschulen sind vor allem bei Numerus-clausus-Flüchtlingen beliebt. Mit Stichtag 28. Februar 2014 waren 29.033 Deutsche hierzulande inskribiert - die größte Gruppe unter den ausländischen Studierenden. Während die skandinavischen Länder und Beneluxstaaten ähnliche Phänomene mit Ausgleichszahlungen lösen, konnten sich heimische Politiker gegenüber den Deutschen noch nicht durchsetzen.

Doch selbst durch Ausgleichszahlungen würden die von der Regierung angestrebten zwei Prozent des BIPs für tertiäre Bildung nicht erreicht werden. (red, DER STANDARD, 20.11.2014)

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