Folterfall Bakary J.: Psychiatrischer Gutachter maß Köpfe in Gars

18. November 2014, 18:22
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Wegen Schädelmessplänen an Drogenkranken war Norbert Loimer in den 1990er-Jahren umstritten

Wien – Im 480.000-Euro-Entschädigungsverfahren für Bakary J., der 2006 von drei inzwischen entlassenen Polizisten in einer Lagerhalle schwer misshandelt wurde, sorgt das umstrittene Gutachten des Psychiaters Norbert Loimer für einen zusätzlichen Rechtsstreit: J.s Anwältin Susanna Kurtev aus der Kanzlei Nikolaus Rast hat einen Befangenheitsantrag gegen die im Wiener Landesgericht für Zivilrechtssachen zuständige Richterin Julia Kömürcü-Spielbüchler eingebracht.

Begründung: Die Richterin habe an Loimers Expertise festgehalten, in der die Traumatisierung des Gambiers unter Hinweis auf "transkulturelle Fragen" sowie die "kulturspezifische Einstellung des Herrn J." abgestritten wird. Dies, so Kurtev, sei inakzeptabel.

Nicht unumstritten

Loimers Ansichten und sein wissenschaftlicher Werdegang sind nicht unumstritten. Wie der STANDARD berichtete, wollte er in den frühen 1990er-Jahren an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie an drogenkranken Insassen der Intensivstation Schädelmessungen durchführen. Er sei Zusammenhängen zwischen Kopfform und Suchtrisiko auf der Spur, sagte er damals zu einer Arbeitskollegin. Der Plan scheiterte an eindeutiger Ablehnung innerhalb der Klinik.

Mit dem Schädelvermessen im – wie er es sah – Dienste der Wissenschaft hatte Loimer jedoch schon davor praktische Erfahrungen gemacht. Vor seinem Medizin-Abschluss promovierte der 1957 geborene Waldviertler im Jahr 1982 auch im Fach Humanbiologie: mit einer Dissertation, in der er ein "Sozialanthropologisches Profil der Marktgemeinde Gars in Niederösterreich" zeichnete – seiner Herkunftgemeinde.

Volksschüler im Fokus

Dabei bediente sich Loimer eines Fragebogens, der an 400, wie er schreibt, "erwachsene Bewohner des Habitats" erging. Weiters habe er "mehr als 370 Schüler im Forschungsgebiet vermessen und befragt" – und auch die von der örtlichen Mutterberatungsstelle versorgten Säuglinge in die Untersuchungen miteinbezogen.

Die durch systematische Erfassung von Körpergröße, Körpergewicht, Schädellänge und Schädelbreite gewonnenen Erkenntnisse lassen laut Loimer Rückschlüsse auf den "Milieureiz" als "Ausdruck für die Anpassung an den Lebensraum" zu. Deren definiert er in Gars und Umgebung gleich drei: einen "rechtsseitig", einen "linksseitig" des Flusses Kamp sowie einen im Kamptal als solches. In der Folge versucht er, Zusammenhänge zwischen Durchschnittsmessergebnissen in diesen Räumen und sozialen Indikatoren wie etwa der materiellen Lage herzustellen.

"Problematisch"

"Für Mitte der 1980er-Jahre war das ein problematischer Forschungsansatz – selbst in Österreich, wo die Anthropologie in der Tradition der Wiener Schule der Morphologie stand", kommentiert dies die Wiener Sozialanthropologin Brigitte Fuchs. In der Nazizeit sei die Wiener Schule im brachialen Rassismus versandet, danach aber, "sozusagen bereinigt", wieder aufgelebt: etwa in Zusammenhang mit Vaterschaftsfeststellungen, bevor es den DNA-Test gab.

Norbert Loimer war bis Redaktionsschluss für eine allfällige Reaktion nicht zu erreichen (Irene Brickner, DER STANDARD, 19.11.2014)

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