Gleichförmige Individualität: Mathematiker veröffentlicht Hipster-Formel

19. November 2014, 11:13
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Jonathan Touboul will mit einer Gleichung beschreiben können, wie und warum individuelle Modeentscheidungen zu Gleichförmigkeit führen

Wien - Sie tragen Vollbart, Flanellhemden, Pullis und Parka. Die Welt sehen sie durch eine überdimensionale Hornbrille und machen meist irgendwas mit Kommunikation. Die Rede ist von Hipstern. Das Milieu gibt sich gern als Trendsetter in Sachen Mode. Accessoires oder Kleidungsstücke, die ihnen zu "mainstreamig" erscheinen, streifen sie kurzerhand ab.

Man weiß, wie ein Hipster aussieht, doch einordnen lässt sich die Subkultur kaum. Die Bloggerin Julia Plevin schrieb bereits 2008: "Hipster vermeiden Labels und gelabelt zu werden, sie ziehen sich alle gleich an, handeln gleich und sind in ihrem Nonkonformismus wieder konformistisch."

Wie aber kann es sein, dass Hipster, die Individualität betonen, am Ende doch alle gleich aussehen? Der französische Mathematiker Jonathan Touboul will nun des Rätsels Lösung gefunden haben. Der Forscher vom Collège de France hat in einem auf der Onlineplattform arXiv veröffentlichten Artikel eine Gleichung aufgestellt, die erklären soll, warum einander Hipster so sehr ähneln.

Die eher monströse Formel von Touboul lässt sich relativ leicht erklären: Für seine Untersuchung zog er eine Menge "n" von Individuen heran, die ihren Status zwischen Hipster oder Mainstream per Zufall ändern. Die Grundannahme war, dass in der Mode ähnlich wie in der Ökonomie und Meinungsbildung Informationen Zeit brauchen, bis sie von A nach B gelangen und zu einem größeren Netzwerk gelangen.

Zwei Funktionsgleichungen

Der Hintergrund: Entscheidungen müssen kommuniziert werden, was zu zeitlichen Friktionen führt. Grob gesagt entwickelte der Mathematiker zwei Funktionsgleichungen - die eine bildete den Verlauf der Modeerscheinungen ab, die andere die Kommunikation zwischen den Individuen. Diese Gleichungen legte er übereinander. In seinen eigenen Worten: "Wenn Hipster zu langsam beim Ausmachen von Trends sind, werden sie weiter die gleichen Entscheidungen treffen und deshalb mit der Zeit ähnlicher werden, während ihr Trend als periodische Funktion weiterläuft."

Mit anderen Worten: Die Mode entwickelt sich schneller als die trendbewussten Hipster. Was in Magazinen abgedruckt ist und als Inspirationsquelle dienen könnte, ist längst schon out. Das Problem ist einleuchtend: Die Leute sind sich nicht bewusst, wofür sich andere in Echtzeit entscheiden - und können sich daher schwerlich abgrenzen. Die Folge: Der Kleidungsstil konvergiert. Irgendwann läuft jeder mit Bart, Flanellhemd und Parka herum.

Touboul zeigt ein Paradoxon auf, das bei Entscheidungsprozessen von Großgruppen häufig auftaucht: Die Entscheidung gegen die Mehrheit führt zu Gleichförmigkeit. Dieses Phänomen kann auch für andere Felder fruchtbar gemacht werden, zum Beispiel für die Wirtschaftswissenschaft. Das Erkennen von Trends ist in der Wirtschaft von eminenter Bedeutung. Denn auch dort haben es Marktteilnehmer mit Informationsdefiziten zu tun.

Vom Hipster zum Investment

"Die Studie könnte wichtige Implikationen für das Verständnis der Dynamik von Investmentstrategien haben", resümiert Touboul. Denn wenn man mit mathematischen Formeln erklären kann, warum Hipster gleich aussehen, kann man vielleicht bald auch die angesagtesten Geschäftsmodelle entschlüsseln. (Adrian Lobe, DER STANDARD, 19.11.2014)

  • Hipster erscheinen in ihrem mit Vollbart und übergroßer Brille zur Schau  getragenen Nonkonformismus längst als konformistisch. Doch warum führt  Individualität letztlich wieder zu Gleichförmigkeit? Der französische  Mathematiker Jonathan Touboul vermutet, dass es an Informationsdefiziten  liegt.
    foto: corbis/jamel topin

    Hipster erscheinen in ihrem mit Vollbart und übergroßer Brille zur Schau getragenen Nonkonformismus längst als konformistisch. Doch warum führt Individualität letztlich wieder zu Gleichförmigkeit? Der französische Mathematiker Jonathan Touboul vermutet, dass es an Informationsdefiziten liegt.

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