Mediziner Jirecek: "Jeder Mensch hat das Recht auf ein Kind"

Interview19. November 2014, 09:58
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Frauen müssen endlich den medizinischen Standards entsprechend behandelt werden dürfen, sagt der Mediziner Stefan Jirecek. Seine ethische Grenze ist die "sexselection"

STANDARD: Das Fortpflanzungsmedizingesetz soll nach 20 Jahren reformiert werden. Ist das nun die politisch angekündigte Anpassung an gesellschaftliche Entwicklungen?

Jirecek: Das ist definitiv eine gute Formulierung. Die Lebensumstände haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert und es ist an der Zeit, da endlich nachzuziehen.

STANDARD: Kinder würden zum Produkt einer Fortpflanzungsindustrie, sagen Kirchenvertreter. Was können Sie entgegnen?

Jirecek: Das ist eine extrem plakative Darstellung, die Paaren mit Kinderwunsch ganz bestimmt nicht weiterhilft. Es ist für Menschen sehr belastend, wenn sie ein Kind wollen, es aber nicht bekommen können. Dieser Prozess, der viele Monate dauern kann, ist sehr frustrierend. Es geht darum, Frauen die Möglichkeit zu geben, schwanger zu werden und das mit der reellen Chance auf ein positives Ergebnis.

STANDARD: Vor allem die Liberalisierung der Präimplantationsdiagnostik (PID) wird schwer kritisiert. Was spricht dafür?

Jirecek: Was wir bei künstlicher Befruchtung derzeit machen, ist Schwangerschaft auf Probe. Nachdem ein Embryo eingesetzt wurde, leben Frauen zwei Wochen lang in der Hoffnung, ein Kind zu bekommen. Bei einer 40-Jährigen ist nur noch einer von fünf Embryonen lebensfähig. Das könnte man im Vorfeld abklären. PID sollte ausnahmslos erlaubt und Frauen endlich den wissenschaftlichen Standards entsprechend behandelt werden. Da geht es nicht um Trisomie 21 oder andere genetische Fehlentwicklungen, sondern um eine faire Chance.

STANDARD: Wo ziehen Sie die ethischen Grenzen?

Jirecek: Es darf nicht sein, dass wir sexselections durchführen, also dass sich Eltern aussuchen, ob sie einen Bub oder ein Mädchen haben wollen. Wenn Eizellspenden erlaubt sind, ist auch das Alter ein limitierender Faktor. In anderen Ländern ist es üblich, dass Frauen, die über 50 Jahre alt sind, keine befruchtete, fremde Eizelle eingesetzt wird. Dass man sich allerdings aussucht, ob ein Kind blaue Augen oder dunkle Haare hat, wäre in der Realität derzeit ohnehin nicht umsetzbar.

STANDARD: Einer Frau eine Eizelle zu entnehmen wie auch einzusetzen, ist nicht ganz ungefährlich. Abgesehen von den psychischen Belastungen, wenn der Kinderwunsch trotz der medizinischen Unterstützung nicht erfüllt wird. Warum stehen die Risiken dennoch dafür?

Jirecek: Patientenpaare durchlaufen die Kinderwunschtherapie vom Anfang bis zum Ende. Wenn sie über einen gewissen Zeitraum nicht erfolgreich sind, gibt es keine Alternative zur künstlichen Befruchtung. Jeder Mensch hat das Recht auf ein Kind.

STANDARD: Sie sagen, dass Österreich im Nachteil ist, wenn Samenspenden in Nachbarländern erlaubt, aber hierzulande verboten sind. Spricht da mehr der Geschäftsmann als der Ethiker?

Jirecek: Wenn Paare die Möglichkeit nicht im Inland haben, gehen sie ins Ausland. Diesem Tourismus sollte man entgegenwirken, um den Eltern die zusätzlichen Strapazen zu ersparen. Da steht nicht die Geschäftsidee im Vordergrund, sondern die Idee, Paaren die optimale Versorgung in der Nähe zu bieten.

STANDARD: Wann raten auch Sie einem Paar von medizinisch unterstützter Fortpflanzung ab?

Jirecek: Es gibt gesetzliche und natürliche Rahmenbedingungen, darüber hinaus hüte ich mich, darüber zu entscheiden, ob Menschen ein Kind haben sollen. (Katharina Mittelstaedt, DER STANDARD, 19.11.2014)

Stefan Jirecek ist Facharzt für Frauenheilkunde und Geburtshilfe und Leiter des Fertilitätszentrums Döbling in Wien.

  • Der Mediziner Stefan Jirecek fordert, dass Präimplantationsdiagnostik ausnahmslos erlaubt wird.
    foto: health-competence-center-vienna.eu

    Der Mediziner Stefan Jirecek fordert, dass Präimplantationsdiagnostik ausnahmslos erlaubt wird.

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