Mit Strichcode das Leben scannen

22. November 2014, 14:00
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Im Projekt "Austrian Barcode of Life" werden 70.000 heimische Pflanzen, Tiere und Pilze registriert: Das soll nicht nur dem Naturschutz dienen, sondern auch der Medizin und der Lebensmittelkontrolle

Wien - Während die UN-Klimakonferenzen von wachsender Frustration begleitet werden und die 2010 ausgerufene "Dekade der Biodiversität" nach Wunschdenken klingt, macht eine internationale Bemühung alle Anstalten, zielstrebig und friktionsarm über die Bühne zu gehen: Die Rede ist vom Barcode of Life - dem Strichcode des Lebens -, an dem sich seit der ersten Publikation der Idee 2003 bereits zahlreiche Länder beteiligen. Seit kurzem auch Österreich.

Die Idee des DNA-Barcodings ist es, Lebewesen mittels ihrer genetischen Signatur genauso eindeutig ansprechen zu können wie Verkaufsgüter durch ihren Strichcode: Die Basis ist ein bestimmter Abschnitt des Erbgutes, der für jede Art spezifisch ist. Die DNA-Sequenzen bzw. Barcodes von erfassten Organismen werden in eine Datenbank eingespeist und ermöglichen in der Folge, verschiedenste Proben damit zu vergleichen und zu identifizieren. Natürlich ist diese Datenbank umso leistungsfähiger, je mehr Arten darin vorhanden sind. Als der Wissenschafter Paul Hebert von der University of Guelph, Kanada, die Idee des DNA-Barcodings 2003 publizierte, entwarf er denn auch gleich die Vision einer weltweiten Erfassung allen Lebens mit dieser Methode.

Mit finanzieller Hilfe der in New York beheimateten Sloan Foundation wurde kurz darauf ein Konsortium gegründet, das die Idee eines "Barcode of Life" in die Realität umsetzen sollte, und schon 2005 fand die erste internationale Konferenz zu diesem Thema statt. Seitdem wurden zahlreiche Initiativen weltweit gestartet, die dasselbe Ziel verfolgen - die meisten im Rahmen des "international Barcode of Life", kurz iBoL. Nationale Barcoding-Projekte gibt es in Europa in Frankreich, Finnland, den Niederlanden, Portugal, Großbritannien und der Schweiz. Daneben existieren jedoch auch Initiativen mit inhaltlichem Schwerpunkt, bei der ausgewählte Organismengruppen erhoben werden, und regionale Bemühungen.

Eine der erfolgreichsten unter Letzteren ist das Barcoding der Bayrischen Fauna: Die Zoologische Staatssammlung München ist dabei vor drei Jahren angetreten, alle 34.000 in Bayern vorkommenden Tierarten mit einem Strichcode zu versehen. Fast ein Drittel davon ist bereits via Datenbank verfügbar.

In die weltweite Datenbank

In Österreich wurde 2012 die Initiative "Austrian Barcode of Life", kurz ABOL, ins Leben gerufen, die es sich zum Ziel gesetzt hat, alle hierzulande vorkommenden Pflanzen, Tiere und Pilze in die weltweite Barcoding-Datenbank einzuspeisen. Im vergangenen Februar bewilligte das Wissenschaftsministerium die Finanzierung eines für drei Jahre anberaumten Anstoßprojektes, in dessen Rahmen vorerst vier ausgewählte Tiergruppen mittels Barcodings erfasst werden sollen.

Die Veterinärmedizinische Universität Wien, das Naturhistorische Museum Wien, die Universität Graz und die Tiroler Landesmuseen werden sich in Pilotprojekten mit den Wirbeltieren, Weichtieren und Schmetterlingen Österreichs ebenso befassen wie mit den parasitischen Würmern. Um eher unattraktive "Österreicher" geht es in zwei Nebenprojekten: Sie widmen sich den Saftkuglern, einer Untergruppe der Tausendfüßer, und den Urinsekten, zu denen unter anderem das Silberfischchen gehört.

Das eigentliche Ziel des Anstoßprojektes ist es, ein Gesamtprojekt auf die Beine zu stellen, an dem so viele Institutionen und Fachleute wie möglich teilnehmen, um alle in Österreich vorkommenden Organismengruppen abdecken zu können.

Das sind nicht gerade wenige: Aufgrund seiner vielfältigen Lebensräume - vom Hochgebirge bis zum Steppensee - und seiner Lage im Übergangsbereich vom atlantischen zum kontinentalen Klima kann man Österreich im Verhältnis zu seiner doch eher bescheidenen Landesfläche guten Gewissens als "Hotspot der Artenvielfalt" bezeichnen: Es gibt allein 460 Arten von Wirbeltieren (84 Fische, 20 Amphibien, 14 Reptilien, 241 Vögel und 101 Säugetiere), knapp 400 Arten an Weichtieren und mehr als 4000 Schmetterlingsspezies.

Relevant für den Artenschutz

Die Erfassung dieser Biodiversität ist zuerst einmal für den Natur- bzw. Artenschutz und die damit befassten Wissenschafter relevant. So gibt es vor allem etwa bei den Weichtieren wie den Schnecken viele Arten, die im Jugendstadium so wenige Unterscheidungsmerkmale aufweisen, dass sie auch von sehr erfahrenen Taxonomen nicht bestimmt werden können, mit dem Barcoding jedoch schon. Auf diese Weise lässt sich auch das Vorkommen sehr seltener Arten bestätigen - auch zur Entdeckung neuer Arten kommt es so immer wieder.

Ein weiterer Vorteil des Barcodings ist, dass man zur zuverlässigen Bestimmung nicht das ganze Tier braucht: Selbst Teile, etwa von Totfunden, genügen, um die Artzugehörigkeit festzustellen. Auch das kann eine Rolle in der Einschätzung spielen, ob eine bestimmte Art in einem Gebiet vorkommt oder nicht.

Last, but not least ist das Barcoding so vieler Arten wie möglich auch für die Medizin und Lebensmittelkontrolle von Interesse, indem es die rasche und kostengünstige Bestimmung von Parasiten oder Nahrungsmittelschädlingen ermöglicht. (Susanne Strnadl, DER STANDARD, 19.11.2014)

  • Auch die Zylinder-Felsenschnecke (Cylindrus obtusus) wird im DNA-Barcoding erfasst. Irgendwann sollen alle in Österreich lebenden Organismen abgedeckt werden.
    foto: nhm wien

    Auch die Zylinder-Felsenschnecke (Cylindrus obtusus) wird im DNA-Barcoding erfasst. Irgendwann sollen alle in Österreich lebenden Organismen abgedeckt werden.

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