"Wir bauen die Erkrankung im Reagenzglas nach"

Interview21. November 2014, 16:26
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Naturmedizin liegt im Trend, doch ihr Potenzial dürfte bei weitem noch nicht ausgeschöpft sein - Zellbiologe Lukas Huber erklärt die Gründe

STANDARD: Vor ziemlich genau einem Jahr haben Sie und Ihre Kollegen eine systematische Suche nach Pflanzenwirkstoffen zur Behandlung des metabolischen Syndroms gestartet. Warum wollen Sie die hierzulande immer stärker grassierende Fettleibigkeit gerade mit Naturmedizin bekämpfen?

Huber: Das metabolische Syndrom ist eine Erkrankung, die einerseits mit unserem Lebensstil zusammenhängt, aber auch eine chronische Entzündung widerspiegelt. Sie verändert die Fettzellen und das Muskelgewebe in unseren Körpern und auch die Leber. Es findet ein Zwiegespräch zwischen dem Immunsystem und diesen Geweben statt, wobei sich die Entzündung über Jahre hinweg schleichend aufbaut. Es ist aber auch bekannt, dass Extrakte von gewissen Heilpflanzen entzündungshemmend wirken. Solche Auszüge greifen sehr breit an und entfalten ihre Wirkung bei mehreren verschiedenen Zelltypen, auch im Immunsystem, weil sie mehrere unterschiedliche Wirkstoffe enthalten.

STANDARD: Welche Ergebnisse hat das Projekt bisher erbracht?

Huber: Inzwischen konnten wir mehrere Extrakte definieren, die in diesem Krankheitssystem eindeutig eine entzündungshemmende Wirkung haben. Jetzt werden wir deren Zusammensetzung entschlüsseln.

STANDARD: Wie geht man bei der Suche nach Pflanzenarten mit medizinischem Wirkungspotenzial vor?

Huber: Für die Pflanzenauswahl gibt es verschiedene Kriterien. Viel Wissen ist in der traditionellen Medizin schon lange vorhanden, und wir versuchen, das in einem rationalen Ansatz zu verstehen, mit modernsten Analysemethoden. Die Pflanzen produzieren viele Wirkstoffe zu Abwehrzwecken, um in der Umwelt überleben zu können. Unter welchen Anforderungen kommen solche Mechanismen zustande? Danach muss man auch noch schauen, ob man die Pflanzen in großen Mengen und unter kontrollierten Bedingungen anbauen kann, in landwirtschaftlichem Ausmaß und bei gleichbleibender Qualität.

STANDARD: Schätzungen zufolge dürfte es weltweit allerdings über 200.000 verschiedene Pflanzenspezies geben. Man sucht also auch nach Nadeln im Heuhaufen, oder?

Huber: Ja, das ist so. Deshalb muss man auf dem Gebiet mit Experten zusammenarbeiten, die praktisch ihr ganzes Forscherleben diesem Aspekt der Botanik widmen. Ich versuche, die beiden Welten zusammenzubringen; das Wissen über Naturheilstoffe und die Ökologie der Pflanzen einerseits und die Zellbiologie und die molekulare Medizin andererseits. Und natürlich kommt auch noch die Chemie mit rein.

STANDARD: Welcher ist der wichtigste Vorteil von Pflanzenauszügen gegenüber synthetischen Präparaten?

Huber: Wir schauen uns deshalb bevorzugt Extrakte an, weil die Wirkung auch durch das Zusammenspiel der einzelnen Bestandteile zustande kommen kann. Das ist der Hauptvorteil.

STANDARD: Nach welchen technischen Prinzipien wird die Wirksamkeit von Pflanzenstoffen im ADSI getestet?

Huber: Wir versuchen die Erkrankung im Reagenzglas nachzubauen, das ist der Trick. Dazu werden spezielle Kulturmethoden entwickelt, bei denen wir zum Beispiel Fettzellen mit Muskelzellen und weißen Blutkörperchen zusammenbringen. In diesem System wird dann durch Zugabe von körpereigenen Botenstoffen künstlich eine Entzündung angezettelt. Das ist eine hohe Kunst. Nach solchen Methoden kann ich sogar Krebs simulieren und bin der Natur einen Schritt näher. Die unterschiedlichen Zelltypen werden vorher aus Stammzellen gezüchtet. Wir müssen die Zellkulturen auch miniaturisieren, um sie für das Screening tauglich zu machen. Die zelluläre Toxikologie und die Wirkstoffaufnahme über die Darmwand werden ebenfalls untersucht. Das gehört alles zum Screeningprogramm. Die Reaktionen werden kontinuierlich über Mikroskop und Video aufgezeichnet. So schauen wir in die Zellen hinein.

STANDARD: Und welche chemischen Aspekte kommen beim Screening zum Tragen?

Huber: Die Massenspektrometrie und andere Analysemethoden helfen uns, die verschiedenen Moleküle zu identifizieren. Ganz wichtig ist aber auch die genaue Charakterisierung und Optimierung der Extraktionsverfahren. Damit die Wirkstoffe auch Wirkstoffe bleiben.

STANDARD: Nun bieten die Apotheken inzwischen eine Vielzahl naturmedizinischer Produkte an. Wie viele davon beruhen auf der Arbeit von Ihnen und Ihren Innsbrucker Kollegen?

Huber: Auf die Wirksamkeit geprüfte naturmedizinische Präparate sind noch nicht auf dem Markt. Wir sind auf diesem Gebiet weltweit Vorreiter. Aber: Die großen Pharmakonzerne kommen jetzt auch drauf.

STANDARD: Welche Forschungsziele hat man sich am ADSI gesetzt?

Huber: Die Wirkstoffsuche bei Pflanzen wird fortgeführt und soll in die Entwicklung markttauglicher Präparate münden. Wir forschen aber auch über klassische Inhibitoren im onkologischen Bereich. Das sind synthetische Wirkstoffe gegen Tumorzellen. Auch hier führen wir systematisches Screening durch. (INTERVIEW: Kurt de Swaaf, DER STANDARD, 19.11.2014)


Lukas Huber wurde 1961 in Wien geboren. Er studierte an der Medizinischen Universität Innsbruck und promovierte dort 1989 zum Thema Immunologie des Alterns. Huber forschte am Institut für Molekulare Pathologie (IMP) in Wien und am European Molecular Biological Laboratory in Heidelberg. Seit 2005 leitet er das Innsbrucker Biozentrum und die Division für Zellbiologie der Medizinischen Universität, heute auch das Kompetenzzentrum für personalisierte Krebsmedizin, Oncotyrol, und zusammen mit Günther Bonn das ADSI (Austrian Drug Screening Institute).

  • "Inzwischen konnten wir mehrere Extrakte definieren, die entzündungshemmend wirken", sagt Lukas Huber.
    foto: adsi

    "Inzwischen konnten wir mehrere Extrakte definieren, die entzündungshemmend wirken", sagt Lukas Huber.

  • Der Gelbe Enzian ist eine jener Pflanzen, die bereits zur Herstellung eines Medikaments (gegen Erkältungskrankheiten) verwendet wurden.
    foto: picturedesk/fischer

    Der Gelbe Enzian ist eine jener Pflanzen, die bereits zur Herstellung eines Medikaments (gegen Erkältungskrankheiten) verwendet wurden.

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